Die Irrungen und Wirrungen einsamer Leben

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elodia1980 Avatar

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Pia Ziefles Geschichte dreht sich nicht um eine, sondern gleich um drei Hauptpersonen, die auf unterschiedliche Weise miteinander verbunden sind. Die großen Themen, die in der Literatur immer wieder eine Rolle spielen, werden ausführlich unter Berücksichtigung aller drei Hauptpersonen bearbeitet: Kindheit und Familie, Verlassenheit und Entfremdung, Verbindung und Zuneigung, Heimat und Fremde. Auch die Fragen, wer die Entscheidungen trifft, die auf das eigene Leben Einfluss haben und unter welchen Umständen. Man kann also sagen, dass sich Pia Ziefle auf drei Ebenen mit diesen Themen beschäftigt und durch die Augen ihrer drei Personen betrachtet, jeweils mit eigenen Erfahrungen und unter ganz spezifischen Gesichtspunkten. Die Geschichten sind miteinander verbunden, weil die drei Hauptfiguren sich kennen und einander mögen, was nicht zuletzt auch zu einem gewissen inneren Frieden bei jedem von ihnen beiträgt.
Wenn Kinder verlassen werden, dann wirkt sich das massiv auf ihre Entwicklung und ihr späteres Lebensglück aus. Um frei zu werden, muss man sich von alten Fesseln befreien, Unausgesprochenes ins Reine bringen, manchmal einfach vergeben und nach vorn sehen. Das wird im Buch sehr schön deutlich. Verlassen zu werden ist ein traumatisches Erlebnis, aber wie an allen Lasten kann man auch an dieser wachsen, wenn man sich mit der Situation aussöhnt, was natürlich voraussetzt, dass man sich mit ihr befasst und auseinandersetzt. Das ist oft schmerzhaft, aber notwendig, um am Ende zu sich selbst finden zu können.

Die Geschichte zieht sich inhaltlich über lange Zeiträume und bearbeitet nicht nur Monate, sondern ganze Lebensabschnitte. Man richtet sich in seinem Leben ein. Man tut, was nötig ist. Eines Tages macht man sich auf die Suche. Oder man steht einem Vater bei, der im Sterben liegt. Sehr viel Versöhnlichkeit mit dem Leben steckt in dem Roman, wie schwierig es auch sein mag, wie viele Stolperfallen es auch mit sich bringt. Schließlich ist das Ziel, ein Leben zu leben, das einen Sinn hat und darüber innerlich frei zu werden, ganz gleich, wie die familiäre oder kulturelle Herkunft einen geprägt haben mag. Das gilt für Lew und für Fido und für Ira, die zu keiner Zeit sich selbst verlieren und am Ende nicht nur an innerem Frieden gewinnen, sondern auch an dem, was man Weisheit durch Erfahrung nennt.

Besonders angenehm an dem Buch ist die Art, wie es geschrieben wurde: Die einzelnen Kapitel sind in kleine, manchmal winzige Absätze unterteilt. Dadurch wirkt der Text wie eine Ansammlung an plötzlich aufsteigenden Gedanken, die aber immer miteinander verbunden sind und niemals den roten Faden verlieren. Episoden sozusagen, mitten im Geschehen, hier eingestreut, dort wie selbstverständlich auf einen ganz anderen Inhalt folgendend. Das ist sehr angenehm zu lesen und entspricht auch unserer Art zu denken: Sprunghaft, aber nicht zergliedert, prägnant, aber weder zu eng noch zu weit.

Das Einzige, was mir nicht wirklich gefällt, ist das Cover. Sicherlich bezieht sich der geflochtene Zopf auf das "lang" im Titel, doch ich finde es irgendwie abstoßend, nichtssagend und denke, ein solches Cover hätte eher zum Grimmschen Rapunzel gepasst. Ein Text wie dieser hätte wahnsinnig viele Ideen geliefert, um ein Cover entsprechend ansprechend zu gestalten, nicht zuletzt sogar exotische durch den Indienbezug. Vielleicht auch eine Art Collage, die zeigt, dass es im Grunde um drei Lebensgeschichten geht. Das vorhandene wird dem Roman jedenfalls nicht gerecht und als Autorin wäre ich etwas verschnupft darüber gewesen. :-) Der Titel hingegen ist schön getroffen, er transportiert genau die Art Hoffnung, die sich durch das ganze Buch zieht und an keiner Stelle schwärmerisch oder unrealistisch wird.