Zu Hause, wo ist das?

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serendipity3012 Avatar

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Nachdem Lew die Nachricht erhalten hat, dass seine Mutter, die er das letzte Mal vor einem halben Leben gesehen hat, gestorben ist, macht er sich auf den Weg nach Indien, wo sie zuletzt mit Lews Vater gelebt hat. Auch zu ihm hatte Lew keinen Kontakt mehr. Die beiden waren von einem Tag auf den anderen aus seinem und dem Leben seines Bruders verschwunden.

In Deutschland lernen wir Ira kennen, die ihren todkranken Vater durch seine letzten Tage begleitet, sich ihm noch einmal annähert, vielleicht mehr als je zuvor und dabei noch einmal verschiedene Stationen ihrer Kindheit durchlebt. Eine Kindheit, die sie auch mit Fido verbrachte, der mit seinem Großvater aus einem jugoslawischen Dorf kam und in der Bäckerei von Evi auftauchte, in der die beiden auch auf Ira trafen. Lew und Ira sind einander ebenfalls keine Fremden.

Pia Ziefles Roman „Länger als sonst ist nicht für immer“ kreist um diese drei und um ihre Leben. Ihre Leben als Erwachsene, doch immer wieder geht es um ihre Vergangenheit, ihre Kindheit, die sie geprägt hat – möglicherweise mehr noch als andere, weil es bei ihnen allen Bereiche gibt, über die seit jeher geschwiegen wurde. Schwierigkeiten. Einsamkeit. Ziefle widmet sich ihren Protagonisten abwechselnd, wirft Schlaglichter, spielt manchmal lediglich mit Assoziationen, wirft dem Leser Brocken hin, die dieser selbst zuordnen muss.

Dies alles in einer behutsamen Sprache, voller Mitgefühl für ihre Figuren, die die Autorin, so scheint es, sehr ins Herz geschlossen hat, so als seien es echte Menschen, Freunde. Das funktioniert lange sehr gut. Irgendwann allerdings wünscht man sich Anhaltspunkte, etwas Greifbares, mehr als diese wirklich schöne, melodische Sprache. Mehr als Gedanken, die hin und her springen. Ziefle erklärt nichts, der Leser muss dieses Mosaik selbst zusammensetzen. Man kann ihm das sicher zumuten, aber die Gefahr besteht, dass er sich an der ein oder anderen Stelle dann doch allein gelassen fühlt.

„Länger als sonst ist nicht für immer“, ein sprachlich verunglückter Titel für eine fast völlig geglückte Geschichte. Der Roman schwebt ein wenig zu sehr; wo man als Leser gern ein wenig mehr an die Hand genommen werden würde, da muss man vermuten, interpretieren. Dagegen ist nichts zu sagen, außer, dass es an der Leserpersönlichkeit liegt, ob er das mag oder nicht.