ein so schmales Buch, aber doch so groß!

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agathemaus Avatar

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Ein so schmales Buch – und so groß.

Eine 43jährige, namenlose Musikerin beginnt nach dem Suizid ihres Lebensgefährten wieder zu laufen. Zunächst behutsam, ohne Zutrauen in sich selbst und ihre Fähigkeit. Dieses Laufen ist nicht nur der Prozess der körperlichen Bewegung, es ist auch das Sinnbild des Weitergehens, des Hintersichlassens von Vergangenem, Verlorenen, das Verarbeiten der Trauer. Grandios und intensiv gezeichnet ist hier die Hilflosigkeit nach dem Verlust des Partners, die Selbstvorwürfe, die zunächst stagnierenden Versuche der Neuordnung des eigenen Lebens. Spürbar die Verzweiflung, dem Schmerz unbedingt entkommen, weglaufen zu wollen.

Ist das Laufen selbst zunächst noch sperrig und in kurzen, fast atemlosen Szenen beschrieben, verlängern sich die Sätze immer mehr, werden sie immer ausufernder; sehr elegant schafft die Autorin es hier, diesen körperlichen Akt des Laufens, die steigende Fitness, mit dem Fortschritt in der Trauerverarbeitung zu verbinden. Läuft sie zunächst noch im Kreis – ohne Aussicht des Entkommens - ändert sich bald die Strecke – wird offener, freier, so wie auch das Innere wieder Freiheit erahnt. Sie läuft immer weiter – es geht immer weiter. Und je weiter es geht desto mehr entkommt sie der belastenden Umklammerung der Trauer.

Faszinierend ist diese häufige vielfältige Bezugnahme vom Laufen zurück ins Leben – ob nun als sich wiederholendes Bild des Laufens gegen den Uhrzeigersinn, also vom Tod zurück ins Leben, oder auch in der Situation des Volkslaufes, der die Umkehr vom Weglaufen zum Irgendwohinlaufen – und dem damit einhergehenden Glücksgefühl - auf brillante Weise erfasst.

Sind auch zunächst die aufblitzenden Bilder des verlorenen gemeinsamen Lebens noch kurz, unklar, vom Schatten der Trauer behaftet, werden auch hier im Laufe des Romans die Sequenzen länger und deutlicher, auch hier wandelt sich die Trauer in Wehmut – und auch ehrliche Momente - , der Schmerz von einem zunächst unerträglichen in einen, mit dem sie leben kann und wird - und der keine Angst vor der Zukunft mehr macht

Obwohl ich keine Läuferin bin, lief ich mit ihr, habe erspürt, was Verlust und Einsamkeit bedeutet, wie das Verhalten anderer im eigenen Herz widerhallt und Narben hinterlässt (nahezu unerträglich, das Verhalten der Schwiegereltern zu beobachten), wie es auch für die Umwelt anfangs nahezu unmöglich ist, ehrliche Stütze zu sein.
Zum Ende hin bekommt alles einen Namen - und man ahnt: auch ihr Name wird bald wieder Bedeutung für sie haben. Sie läuft zurück ins Leben.
Zu inflationär wird gelegentlich mit Zuschreibungen wie „Lebenslesehighlight“ um sich geworfen, doch kommt dieses schmale Buch sehr nahe an genau ein solches heran – es wird mir immer präsent bleiben. Ein wunderbares, tiefes, wichtiges Buch.
Eine absolute und unbedingte Leseempfehlung für jeden.