Hart, härter, am härtesten?

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wölkchen Avatar

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Der härteste Nesbø, den es je gab – so die Ankündigung des Verlages. Und ich frage mich, warum es immer dieser Superlative bedarf. Warum ist der neueste Band einer Reihe immer der Beste, der Spannendste oder eben der Härteste? Für mich persönlich stand ein anderer Aspekt im Vordergrund: „Leopard“ war mein erster Nesbø. Heißt das nun, ich sollte die Vorgänger nicht lesen, da sie mir dann vielleicht zu „soft“ wären? Oder ist „hart“ nicht unbedingt als Qualitätsmerkmal zu werten?

 

Die Handlung des Buches führt den Leser auf eine große Reise: Von Hongkong über Oslo in die norwegischen Berge und weiter bis nach Ruanda und den Kongo. Unterschiedlicher könnten die einzelnen Schauplätze kaum sein. Die Geschichte, mit der Nesbø diese Orte verbindet ist grausam, einfallsreich und sehr verwickelt, nicht umsonst füllt sie 700 Seiten.

 

Nesbø ist es gelungen, mich von Anfang an gefangen zu nehmen. Die Mittel, mit denen er Spannung erzeugt, sind nicht neu, aber effektiv: Das Buch ist in kurze Kapitel unterteilt, an deren Ende jeweils ein Cliffhanger steht. So ist man fast gezwungen, weiterzulesen. Außerdem fordert Nesbø den Leser indirekt zum Mitdenken auf. Er legt Fährten, vermeintliche Spuren, so dass im Leser ein Verdacht keimt, in welche Richtung es gehen wird – Es versteht sich von selbst, dass sich diese Richtung dann als komplett falsch erweist. Im Laufe der Handlung verschiebt sich dieses Schema: Ist es am Anfang noch der Leser, der aufs Glatteis geführt wird, ist es später immer mehr Hole selbst, der sich irrt. Als Leser bleibt man skeptisch, hinterfragt die vermeintlich einfache Lösung, wohlwissend, dass noch 200 Seiten Buch vor einem liegen und da doch noch etwas passieren muss. Nicht zuletzt hat der Leser einen Wissensvorsprung gegenüber dem Ermittlerteam: Immer wieder sind kursiv gedruckte Passagen eingestreut, in denen der Gegenspieler, der Gesuchte zu Wort kommt und so dem Leser weiteren Stoff für Spekulationen bietet:

_„Zu töten ist ein stetiger Kampf um Besitz und Güter, und wer nicht seinen Nächsten zu töten vermag, hat keinerlei Existenzberechtigung, Zu töten ist im Grunde nichts anderes, als das Unabwendbare zu beschleunigen.“_

 

Einige Elemente sind momentan offensichtlich Standard in Krimis: Ein Ermittler, der nicht einfach nur Ermittler ist, sondern schwerwiegende, persönliche Probleme hat, mit seiner Vergangenheit, seinen Beziehungen, seinem Lebenswandel. Außerdem kommen zur Ermittlung erschwerende, meist politisch bedingte Umstände hinzu, in diesem Fall die Rivalität zwischen Morddezernat und Kriminalamt. Der „normale Kommissar“, der in einem oder mehreren Mordfällen ermittelt, ist schon lange nicht mehr ausreichend. Mich langweilt dieses Schema zunehmend und manchmal sehne ich mich ein bisschen nach den guten, alten Krimis à la Agatha Christie zurück, in denen noch der eigentliche Kriminalfall im Vordergrund stand.

 

Auch wenn mir die Nebenhandlungen an einigen Stellen etwas zu viel Raum einnahmen und sich die Handlung über die letzten 200 Seiten meiner Meinung nach etwas gezogen hat, ist „Leopard“ ein solider, spannender und lesenswerter Krimi - nicht nur für eingefleischte Nesbø-Fans.