Lotta Wundertüte

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schneewind Avatar

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Mutter, Vater und zwei Kinder - eine Bilderbuchfamilie?

Ohne sentimentale Einlagen erzählt Sandra Roth von ihrem Alltag mit ihrem Mann Harry, ihrem Sohn Ben und ihrer schwer mehrfachbehinderten Tochter Lotta.
Lotta ist fast drei Jahre alt, aber sie kann weder laufen, noch sitzen, noch sprechen. Vorbeilaufende Menschen üben sich im Dezent-Gucken, Kindergärten winken bedauernd ab, Ämter fühlen sich nicht zuständig, und ein Vater, dessen Tochter Lotta unbeirrt anstarrt, erklärt etwas verlegen: "Entschuldigung, so etwas hat sie noch nie gesehen."

Wie kommt man klar mit den Herausforderungen innerhalb und außerhalb des Familienlebens?
Wie reagiert man auf Wohlmeinendes, Unverhohlenes, Beschämendes und Mitleidiges?
Was ist wichtig? Und was nicht?

Es gibt Bücher, die zur Pflichtlektüre erhoben werden sollten, um Barrieren im eigenen Hirn auf die Spur zu kommen, um sich in Empathie zu üben, um ein bisschen Unbefangenheit im Umgang mit Unbekanntem, Fremdem, Andersartigem zu erfassen.
"Lotta Wundertüte" gehört zu diesen Büchern.
Es ist beinahe unmöglich, seinen Blick auf die Welt nicht neu zu fokussieren, wenn man liest, wie Sandra Roth täglich auf's Neue zwischen Förderung und Überforderung balanciert, mit ihrer Verzweiflung und ihrer Wut umzugehen versucht und mehr als einmal ihre Tochter in die Hand von Ärzten und Medikamenten geben muss, ohne sich von ihrer Angst, Lotta dabei zu verlieren, überwältigen zu lassen.
Denn neben Lotta gibt es ja auch noch Ben, und neben den Kindern versuchen Sandra und ihr Mann Harry überdies, ihre Paarbeziehung nicht der Behinderung komplett unterzuordnen, um sie im schlimmsten Fall daran zerbrechen zu sehen.

Mich hat das Buch sehr berührt, und obwohl ich im Allgemeinen in der Kategorie "Wahre Lebens- und Leidensgeschichten" nicht allzu viel an Lesestoff zu finden vermag, würde ich "Lotta Wundertüte" aus der Masse der Lebensbeichten und traurigen Geschichten herausheben und weiterempfehlen.
Weil dieses Buch mehr hinterlässt als Trauer und Entsetzen, durchmischt mit dem üblichen verboten glücklichen Schauer von "Ein Glück, dass das nicht mir passiert".

"Lotta Wundertüte" sensibilisiert, schärft die eigene Wahrnehmung und lässt jeden mit der Frage zurück, was die wesentlichen Dinge im eigenen Leben sind und was die wesentlichen Dinge im Leben sein sollten.