Lebendiges Zeitportrait

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Ulrich Alexander Boschwitz erzählt in seinem Roman "Menschen neben dem Leben" von denen, die das Leben, die damaligen Umstände, Krieg und Wirtschaftskrise an den unteren Rand der Gesellschaft gezwungen hat. Da gibt es Fundholz, der sich abgefunden und eine gewisse Lebensweisheit erlangt hat, oder der Kriegsversehrte Sonnenberg, der einen enormen Hass in sich trägt und andere büßen lassen will, da er das Leben nicht für das bestrafen kann, was es ihm angetan hat. Zwischen diesen Polen bewegen sich Gestalten wie Frau Fliehbusch, die nicht glauben will, dass ihr Mann im Krieg gefallen ist und einzig in der Suche nach ihm die Kraft zum Weiterleben zu finden scheint, und Menschen, die die Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Lage noch nicht aufgegeben haben, die sich noch Ziele setzen - auch wenn diese nicht (immer) erreichbar sind und sie letztlich völlig in den Abgrund reißen, wie es Grissmann geschieht. Jede der hier beschriebenen Figuren geht anders mit ihrem Los um, jede versucht in ihrem Vermögen einen "guten" Weg zu finden, der nicht gleichzeitig auch moralisch sein muss. Immer wieder fließen Berichte über das vorherige Leben der Figuren ein, die ihre Entwicklung aufzeigen. So wird aus einem rechtschaffenen schüchternen Mann ein Mörder, während ein Zuhälter davon träumt, sich ein rechtschaffenes Leben aufzubauen. Im Grunde folgt Boschwitz in seinem Roman Brechts Dreigroschenoper: "Wir wären gut - anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so."
Der "Fröhliche Waidmann" ist der Schmelztiegel, in dem sich all diese Figuren letztlich treffen und in dem sich auch der krasse Gegensatz zu den Privilegierten zeigt, die weiterhin Arbeit haben und weder betteln noch sich verkaufen müssen. Diese kommen in den "Fröhlichen Waidmann", um die Benachteiligten wie in einem Zoo zu begaffen und um auch einmal ein Gefühl von Abenteuer zu erhalten, ohne den Ernst der Lage dieser Menschen zu begreifen.
Boschwitz beweist großes Gespür für das Innenleben seiner Figuren und beschreibt ihre Situation, ihre Schwierigkeiten und Hoffnungen zwar wertungsfrei aber doch einfühlsam. Die plastischen Beschreibungen, die der Autor durch Metaphern und Verlebendigungen erreicht, lassen das damalige Berlin vor dem geistigen Auge auferstehen. Dadurch entsteht ein glaubwürdiges, lebendiges Zeitpanorama, das die Menschen im Berlin der 30er Jahre in den Blick nimmt, die die Leidtragenden der damaligen Entwicklungen sind.
Zugleich vermag der Autor es, Parallelen zu ziehen zwischen einzelnen Menschen und Nationen, und verdeutlicht die Entstehung von Kriegen mit der Entstehung eines Kampfes zwischen zwei in Konflikt geratenen Personen. Dabei erweist sich Boschwitz als sehr feinsinniger Beobachter und erkennt die Tendenzen und Entwicklungen seiner Zeit. Da er stets im sachlichen Ton berichtet, überlässt er es dem Leser, ein Urteil über die Geschehnisse, die Gesellschaft, die "Werbeversuche" diverser Parteien und anderer Zustände zu fällen. Obwohl es hier und da anklingt, hat man hier jedoch keinen politischen Roman zu erwarten, da ebenjene Sachlichkeit und der klare Fokus auf den Einzelschicksalen der Figuren dies in den Hintergrund rücken lässt bzw. sich auf eine andere Ebene konzentriert, nämlich die des Individuums.
Der Roman ist auf jeden Fall empfehlenswert für alle, die sich für die allgemeine Natur des Menschen in schwierigen Verhältnissen interessieren oder die ein geschichtliches Interesse an der Zwischenkriegszeit haben, aber natürlich auch für alle, die einen authentischen, gut geschriebenen Roman lesen möchten. Zugute kommt der Authentizität des Romans sicher auch, dass der Autor aus der Zeit heraus berichtet, die er selbst miterlebt hat.