Ein Urlaub, eine ungewöhnliche Freundschaft und Schmetterlinge im Bauch...

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cappuccino-mama Avatar

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Ein Buch, das meinem Geschmack entsprechen könnte, dachte ich, als ich das Buch erstmals sah. Ich vermutete dahinter ein Buch, ähnlich dem von Dora Heldts URLAUB MIT PAPA oder Ulrike Herwigs MARTHA IM GEPÄCK - zumindest ließ der Buchtitel dies vermuten. Und da ich Dora Heldts „Papa Heinz“ ja so sehr liebe (ich muss es schließlich nicht mit ihm aushalten), war ich schon sehr gespannt, ob dieses Buch hier mithalten kann.


Das Cover:

Auf dem Cover sieht man eine typische Strandszene: Zwei Damen sonnen sich am Strand auf ihren Liegestühlen – eine jüngere Dame, bekleidet mit einem blauen Bikini und eine ältere mit langen, grauen Haaren und einem kurzen lilafarbenen Kleid und einem breitkrempigen Sonnenhut. Das Titelbild wirkt vom Stil her etwas wie ein Aquarell. Doch eines stört mich dennoch: Tante Otti wirkt mir nicht zierlich genug, Jule erweckt bei mir den Anschein, als wäre sie die Tochter der alten Dame, wirkt auf mich eher wie eine Frau um die Vierzig. Mir fehlt hier leider einfach etwas der Elan. Der Buchtitel selbst ist zwar aussagekräftig, aber fast etwas bieder und etwas „unglücklich gewählt“, ich hätte mir da einen etwas witzigeren Titel gewünscht. Dennoch: Letztendlich zählt vor allem das, was IM Buch steht. Sehr gut gefallen hat mir hingegen die Buchbeschreibung auf der Rückseite, denn sie weckt die Neugierde, ohne jedoch zuviel zu verraten.


Die Handlung:

Jule Winkler ist zwanzig Jahre alt und beruflich sehr ausgelastet. Sie schiebt Doppelschichten in einem Drogeriemarkt, um ihr Studium zu finanzieren. Doch auch Frau Bär hat Sorgen: Freundin Hildchen und sie haben sich verkracht und nun droht der Urlaub auf den Kanaren ins Wasser zu fallen. Doch da hat die alte Dame eine Idee: Sie möchte mit Jule, die sich keinen Urlaub leisten kann, in den Urlaub fliegen! Doch Jule bezweifelt, dass ihr Chef ihr Urlaub gibt, doch Ottilie, so heißt Frau Bär, gelingt das scheinbar Unmögliche – Jule bekommt frei und einem gemeinsamen Urlaub steht nun nichts mehr im Wege.

Hildchen, die putzwütige Mitbewohnerin und Freundin von Ottilie Bär, die eigentlich mit nach Gran Canaria fliegen sollte, bleibt stur: Sie hat keine Lust auf die Urlaubsinsel, sondern würde lieber in die Berge fahren. Und so brechen Jule und Ottilie zu zweit auf, um einen gemeinsamen Urlaub zu genießen – Hildchen ist sauer, dass Ottilie sie einfach ersetzt hat und zieht ihre Konsequenzen.

Doch der Urlaub mit Ottilie verläuft nicht immer ganz problemlos und manchmal verzweifelt Jule, die sich so sehr nach Erholung gesehnt hatte, an „Tante Ottis“ Schusseligkeit, ihrer Vergesslichkeit und Ottis Verhalten, das die junge Frau oft sehr peinlich findet. Und doch ist der Urlaub der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die so manche Klippe umschiffen muss...


Meine Meinung:

Eine Begegnung mit Folgen – Otti will ihren Urlaub auf ihrer Lieblingsinsel verbringen, hat jedoch keine Reisebegleitung. Jule würde gerne entspannen, kann sich allerdings keinen Urlaub leisten. Das Schicksal führt die beiden Frauen zusammen, doch kann man mit jemanden, den man nur flüchtig kennt, gleich einen Urlaub verbringen?

Jule ist eine 20jährige Studentin und immer knapp bei Kasse. Ihren Job im Drogeriemarkt hasst sie, denn ihr Chef behandelt sie nicht besonders freundlich. Der Filialleiter Polanski, das „graue Krümelmonster“, wie Jule ihn in Gedanken stets nennt, ist ein wahrer Sklaventreiber. Eine kostenlose Reise, als Gegenleistung nur die Gesellschafterin für Otti sein? Das klingt verlockend für Jule, die sich einen Urlaub auf Gran Canaria nie und nimmer leisten könnte.

Jules Freundin Kathi ist jedenfalls von den Reiseplänen von Jule und Ottilie alles andere als begeistert. Und so hat Kathi ihr gleich abgeraten, mit einer alten Dame in den Urlaub zu fliegen, sie selbst hat nämlich berufliche Erfahrung mit älteren Personen, denn sie arbeitet in der Altenpflege und kennt die Eigenarten und Gebrechen der älteren Leute. Aber auch Hildchen, Ottilies Mitbewohnerin, ist strikt gegen die Reise – das kann doch nicht gut gehen – eine junge und eine alte Frau auf einer gemeinsamen Reise! In diesem Punkt sind sich die beiden Freundinnen der reiselustigen Jule und „Tante Otti“ einig.

Ottilie „Tante Otti“ ist siebzig Jahre alt und erbte einst eine Schokoladenfabrik, die allerdings längst verkauft ist. Ottilie ist klein und zierlich und mitunter ist sie auch ganz schön peinlich, wie Jule findet. Zudem ist Otti ganz schön vergesslich, weshalb Jule ihre Reise beinahe gar nicht erst antreten kann, denn Tante Otti hat schlichtweg vergessen, dass sie Jule versprochen hatte, sie mit zum Flughafen zu nehmen. Und diese Vergesslichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch – mal ist es die nicht auffindbare Geldbörse, mal eine Mitteilung an Jule, die Otti vergessen hat. Und so keimt langsam der Verdacht auf, dass Otti an einer Demenz leiden könnte. Otti ist verzweifelt und muss Gewissheit haben, fürchtet sich jedoch vor der Diagnose.

Hildchen ist ein Sturkopf und das in vielerlei Hinsicht. Längst hat sie das Rentenalter erreicht und könnte sich zur Ruhe setzen, doch stattdessen arbeitet sie weiterhin als Verkäuferin in der eigenen Metzgerei. Dass sie nun zwei Jahre hintereinander an den Strand soll, statt Wanderungen in den Bergen zu machen, sieht sie gar nicht ein. Und so weigert sie sich, ihre Freundin Otti auf die Insel zu begleiten.

Überhaupt ist Hildchen der krasse Gegensatz zu Freundin Ottilie: Sie raucht Zigarren (sehr zum Leidwesen der Freundin), wirkt burschikos, hat nicht die besten Manieren und eine derbe Art an sich – an ihr ist ein echter Kerl verloren gegangen. Während Ottilies Herz für die Welt des Schlagers schlägt, findet Hildchen diese Art der Musik einfach nur grauenhaft und hört daher nur ihre geliebte Volksmusik – sehr zum Leidwesen von Ottilie und Jule. Weder Jule fand diese Frau sympathisch, noch ich. Dennoch liegt Ottilie sehr viel an der Freundschaft, die die beiden bereits seit Schulzeiten verbindet.

Karl-Heinz ist Ottilies Sohn. Er ist Politiker und ein richtiger Spießer, der jahrelang keinen Kontakt zu seiner Mutter pflegte, konnte er ihr doch nie verzeihen, dass sie einst seinen Vater und ihn verlassen hatte. Ihren kleinen Enkel kennt Ottilie nicht persönlich – dass sie einen Enkel hat, erfuhr sie lediglich aus der Presse. Ständig steht der Vorwurf von Karl-Heinz im Raume, was Ottilie ihm „angetan“ hätte, könne er ihr nie verzeihen. Es ist vielleicht auch das gemeinsame Schicksal, das die beiden ungleichen Freundinnen verbindet: Ottilie erfährt Ablehnung vom eigenen Sohn, Jule fühlt sich von der Mutter ungeliebt.

Marc Schmalfuß ist der Nachbar von Ottilie, ein junger, äußerst attraktiver Jurastudent, der Jule ausgesprochen gut gefällt. Doch der Spruch „Von einem schönen Teller isst man nicht alleine!“ hat sich so sehr im Kopf von Jule festgesetzt, dass sie sich energisch gegen ihre Gefühle für Marc wehrt. Doch kann man seine Gefühle für jemanden einfach abschalten? Schmunzeln musste ich hier über die bildliche Sprache der Autorin, z.B. über die Formulierung, dass Jule mit der Fliegenklatsche auf die Schmetterlinge in ihrem Bauch schlägt. Aber Ottilie findet, dass Jule und Marc ein Traumpaar abgeben würden und startet diverse Verkupplungsversuche, von denen Jule alles andere als begeistert ist.

Unterschiedlicher als die beiden Reisegefährtinnen könnten die beiden Frauen kaum sein – nicht nur wegen ihres Altersunterschieds. So ist Ottilie lebenslustig und kann auch richtig ausgelassen sein, was Jule, die auf keinen Fall auffallen möchte, richtig peinlich findet. Ottilie liebt Katzen, Jule hingegen findet keinen rechten Gefallen an den Tieren, die Ottilie während ihres Urlaubs füttert und gerne auch beherbergt. Und während Ottilie bereits gutgelaunt in den Tag startet, schlummert Jule noch friedlich in ihren Kissen vor sich hin. Konflikte sind also bereits vorprogrammiert.

Ich mochte Ottilie, fand sie großzügig und liebenswert, feinfühlig, lebensfroh, doch manchmal auch etwas nervig und einengend. Mitunter überschreitet Otti aber auch ihre Kompetenzen, nimmt vorschnell ihrer jungen Freundin Entscheidungen ab (was ihr im Nachhinein dann aber auch leid tut). Klar, dass es zwischen so unterschiedlichen Charakteren auch zu Spannungen und gar Streit kommt.

Etwas gestört hat mich Ottilies lockerer Umgang mit Geld – manchmal hatte man den Eindruck, sie wolle sich die Zuneigung ihrer Mitmenschen erkaufen – hier ein sehr großzügiges Trinkgeld, da ein besonderer Wunsch (Geld dafür ist ja reichlich vorhanden) – man merkt sofort, dass Ottilie noch nie sparen musste und dies auch nicht gelernt hat, sparsam zu sein – ganz im Gegensatz zu Jule, die jeden Cent dreimal umdrehen muss.

Aber Ottilie tat mir oft auch leid: Die Ungewissheit, wie es um ihre geistigen Fähigkeiten steht, der Sohn der sie ablehnt, die Freundin, die so dominant und herrisch wirkt, und von der sie sich im Stich gelassen fühlt. Wie sehr hatte ich mir (sowohl für Jule, als auch für Ottilie) gewünscht, dass Otti und Jule Freundinnen fürs Leben werden können.

Für Jule war es anfangs nur eine willkommene Abwechslung, endlich mal rauszukommen, abzuschalten, einen Urlaub zu genießen. Oft stieß sie dann jedoch mit Ottilies Vergesslichkeit, deren Art,... an ihre Grenzen. Doch letztendlich endet die Beziehung der beiden nicht mit der Rückkehr von der Insel, vielmehr war der Urlaub erst der Anfang der ungewöhnlichen Freundschaft.

Gestaunt hatte ich, als ich noch nicht einmal die Hälfte des Buches gelesen hatte, die beiden Frauen aber bereits die Heimreise von der Insel antraten. Doch nicht alleine die Urlaubsreise steht im Mittelpunkt (wie man aufgrund des Titels vermuten könnte), vielmehr ist es die ungewöhnliche Freundschaft zwischen zwei völlig verschiedenen Personen. Und ganz offensichtlich hat Otti ein pikantes Geheimnis, das sie am liebsten vor Jule verbergen würde.

Wie gesagt - der Urlaub war nur der Anfang, denn auch wenn Jule zwischenzeitlich oft am liebsten einfach alles hinwerfen würde, so will und kann sie Ottilie nicht einfach im Stich lassen. Und aus Jules eigentlich recht einfachem Leben zwischen Studium, Jobben und gelegentlich der ein oder anderen Party, wird nun ein abwechslungsreiches Leben, denn mit der alten Dame wird es Jule nie langweilig. Und auch wenn Jule mitunter schon sehr von Ottis Anhänglichkeit genervt ist, so möchte sie Otti nicht mehr missen, ist diese doch eine Bereicherung in ihrem Leben. So lernen die beiden in ihrem Miteinander auch viel voneinander und merken, dass sie manchmal gar nicht so verschieden „ticken“.

So humorvoll das Buch aber auch ist, so hat es doch Tiefgang. Die Ängste einer älteren Dame, verlassen von der Mitbewohnerin, vergesslich und scheinbar von der Welt vergessen. Doch wie schön es ist, in diesem Buch zu lesen, wie sich doch viele um sie sorgen – sei es der Kellner auf der Insel, der Ottilie schon viele Jahre kennt, sei es der hilfsbereite Nachbar, der stets Zeit für sie hat, oder letztendlich Jule. Ottilies Geheimnis war für mich (leider) keine Überraschung, dennoch fühlte ich mich durch die turbulente Handlung bestens unterhalten – und das ist die Hauptsache.

Meine Erwartungen wurden erfüllt: So wie Dora Heldts „Papa Heinz“ seine Tochter Christine mitunter bald in den Wahnsinn treibt, schafft es in diesem Roman Ottilie auch bei Jule. Und doch – Christine mag ihren Papa (mit dem sie ja auch einen URLAUB MIT PAPA verbrachte) und Jule möchte „Tante Otti“ nicht mehr missen – trotz ihrer Marotten!

Ein Buch, das durch seinen mitreissenden locker-leichten, flüssigen Schreibstil den Leser fesselt. Unterhaltsam von der ersten bis zur letzten Seite – man hofft, bangt, leidet und lacht mit dem ungleichen Paar Ottilie und Jule. Durch die Unterteilung in 34 überschaubare Kapitel auf fast 400 Seiten lässt sich das Buch relativ schnell lesen. Und der Schluss? Natürlich gibt es ein Happy End! - Bei einem solchen Roman muss das doch so sein, oder?


Fazit:

Eine tolle Strandlektüre, die aber auch den Daheimgebliebenen ein Urlaubsfeeling vermittelt. Ein humorvoller Roman über Freundschaft, die Schattenseiten des Älterwerdens und natürlich auch die Liebe. Von mir erhält dieser Roman eine Leseempfehlung, sowie 5 Sterne.