Toller Roman mit gigantischer Charakterentwicklung

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Allgemeines und erster Eindruck

„Nackt über Berlin“ ist ein Roman von Axel Ranisch. Das Buch erscheint im Hardcover bei Ullstein fünf und ist 380 Seiten lang. Im Handel kostet das Buch 20€. Das Cover ist definitiv ein – etwas merkwürdig anmutender – Blickfang. Das Buch ist schön gestaltet und gut verarbeitet.

Schreibstil

Ranischs Schreibstil lässt sich sehr flüssig lesen. Der Autor verwendet viel Umgangssprache, schreibt sehr locker und benutzt auch den einen oder anderen Kraftausdruck, was jedoch zur Thematik und den Protagonisten passt.

Zum Inhalt

Jannik und Tai sind beste Freunde. Eines Abends trifft Tai den Direktor ihrer Schule, Herr Lamprecht, sturzbetrunken auf der Straße an. Er kontaktiert Jannik, der kurze Zeit später zu ihm stößt. Gemeinsam verfolgen sie den betrunkenen Rektor bis zu seinem Haus. Es handelt sich dabei um ein hochmodernes Gebäude, jede Wohnung ist absolut einbruchsicher. Der Nachteil? Sollte man das Pech haben und sich in seinem Appartement einsperren, kommt man so leicht auch nicht mehr heraus – vor allem dann nicht, wenn beispielsweise die Verbindung zum Concierge auf mysteriöse Weise unterbrochen ist.
Tai heckt einen Streich aus – er und Jannik wollen Lamprecht für ein Wochenende in seiner Wohnung einschließen, um ihn zu erschrecken. Kurzer Hand kappen sie alle seine Verbindungen zur Außenwelt, um ihren Plan ungestört umsetzen zu können. Einzig eine Bluetooth-Verbindung über den Laptop des Rektors sorgt für Kontakt zwischen Gefangenem und Geiselnehmern. Als Lamprecht jedoch Vermutungen darüber anstellt, warum er eingesperrt wurde, spricht er ein pikantes Thema an: den Selbstmord einer Mitschülerin von Jannik und Tai. Von da an wird aus einem Streich bitterer Ernst – und Jannik ist sich der ganzen Sache plötzlich nicht mehr so sicher …

Das Setting

Die Geschichte spielt im modernen Berlin.

Die Protagonisten

Jannik ist 17 Jahre alt, hat eine ausgeprägte Vorliebe für klassische Musik und entspricht leider nicht ganz dem Idealbild eines Sohnes, wie es sein Vater sich vorstellt. Anstatt in einer sportlichen Disziplin zu glänzen, ist Jannik gänzlich unsportlich und nicht gerade der Schlankste. Hinzu kommt noch, dass Jannik mit Mädchen nichts anfangen kann. Er steht auf Männer, oder besser gesagt auf einen ganz bestimmten – und das ist niemand anderes als Tai. Davon scheinen aber weder Tai noch Janniks Eltern Notiz zu nehmen. Als Tai ihm von seinem Plan erzählt, den Rektor für ein Wochenende einzusperren, zieht Jannik zunächst mit, bekommt jedoch bald Zweifel an diesem Vorhaben.
Tai ist das genaue Gegenteil des ruhigen Jannik. Zwar gilt er als anständiger Typ, er hat es jedoch faustdick hinter den Ohren. Selbst Jannik ist sich nie ganz sicher, was in seinem Kumpel vorgeht.
Wie seine ganze Familie scheint er in diverse krumme Dinger verwickelt zu sein. Seine Leidenschaft sind Filmaufnahmen, sodass er seinen Camcorder eigentlich immer bei sich hat. Er ist die treibende Kraft hinter Lamprechts Gefangennahme.

Fazit

Die Leseprobe von „Nackt über Berlin“ hat mich sofort gereizt. Nicht nur wirkten Titel und Cover sehr kurios auf mich, auch der Beginn des Romans hat meine Neugierde geweckt. Jetzt, wo ich den ganzen Roman gelesen habe, kann ich sagen: ich wurde nicht enttäuscht.
Ranisch versteht es, einen Spannungsbogen aufzubauen. Dabei handelt er aber nicht nur einen Erzählstrang von Gefangennahme – Gefangenschaft – Freilassung ab, sondern beschäftigt sich auch noch mit den Auswirkungen, die diese Erfahrung sowohl auf die beiden Teenager als auch auf den Rektor hat. Wider meiner Erwartungen handelt es sich bei „Nackt über Berlin“ nicht nur um einen humoristischen Roman, sondern auch um ein Meisterstück, wenn es darum geht, das Innenleben der Figuren kennenzulernen. Ranisch stellt die Gedankengänge der Protagonisten – hauptsächlich Jannik und Rektor Lamprecht – in all ihrer Komplexität dar und verschafft uns dadurch einen gelungenen Einblick in die Hintergründe der Figuren.
Hinzu kommen die beiden Hauptbotschaften des Romans: Jannik ist anfangs schüchtern und verbiegt sich andauernd, lernt jedoch im Verlauf der Geschichte, zu sich zu stehen und der zu sein, der er ist. Lamprecht hingegen erkennt, dass er in seinem Leben nicht die richtigen Prioritäten gesetzt hat und die Schuld, die er auf sich geladen hat, schwerer auf seinen Schultern lastet, als er denkt. Beide Figuren schaffen es am Ende, mit sich ins Reine zu kommen. Der Eine kann endlich der sein, der er wirklich ist, der Andere hingegen gesteht seine Schuld ein und ist endlich bereit, die Konsequenzen zu tragen.
Ein toller, so ganz anderer Roman über das Zu-Sich-Selbst-Finden und das Für-Sich-Und-Seine-Fehler-Einstehen, der wirklich Spaß macht und zum Nachdenken anregt. Ich kann ihn nur wärmstens empfehlen.

Kauf-/Leseempfehlung: Ja!