Vergessen oder Verzeihen?

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rebellyell666 Avatar

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Hannah steht vor einer großen Herausforderung: Als sie ihren Stein, dem sie jemanden schicken soll, dem sie verzeiht, ihrer Freundin Dorothy in die Hand drückt, sagt diese zu ihr, dass sie nicht diejenige sei, für die der Stein bestimmt sei. Vielmehr soll Hannah diese Gelegenheit nutzen, sich mit ihrer Mutter auszusprechen und hierin Frieden zu finden.
Hannah ist von dieser Idee wenig begeistert. Hat sie doch alles, was sie sich gewünscht hat: Einen tollen Freund, einen tollen Job als Fernsehmoderatorin und ein aufregendes Leben. Sich mit ihrer Mutter, die damals nichts mehr von ihr wissen wollte, zu versöhnen, erscheint ihr unsinnig. Tief drinnen ist Hannah sehr verletzt, dass ihre Mutter nach ihrer Scheidung von ihrem Vater den Kontakt abgebrochen hat.

Zunächst fiel mir der Einstieg ins Buch etwas schwer, nach und nach werden hier die Zusammenhänge jedoch klarer. In welchem Verhältnis Hannah zu wem und zu ihrem Job steht. Schnell wird klar, dass sie auf der Stelle tritt. Ihr Freund Michael will sie aus unerfindlichen Gründen nicht heiraten, an ihrem Moderatorenstuhl wird auch schon gesägt, parallel gehen die Einschaltquoten sowieso zurück. Dennoch erhält Hannah ein Jobangebot in Chicago, dass sie aus Liebe zu Michael zunächst absagen will. Hier merkt man schon deutlich, dass Hannah anfangen muss, ihr eigener Schmied für das Glück zu sein und sich nicht ständig um die Befindlichkeiten anderer kümmern sollte.

Mir hat die Leseprobe sehr gut gefallen. Es handelt sich meiner Meinung nach auch um ein sehr ernstes Thema. Vergeben und Verzeihen bedeutet für mich vor allem Mut und Stärke. Oftmals muss man über seinen Schatten springen und auch Fehler zugeben - einige können das, andere wiederum hadern sehr lange mit sich, was vor allem in Familienkreisen zu jahrelangen, wenn nicht sogar lebenslangen Kontaktabbrüchen führen kann. Ich kann davon ein Lied singen: Die jeweiligen Geschwister meiner Eltern wechseln mit meinen Elternteilen bis heute kein Wort. Und, wenn, dann nur sehr angespannt. Hier ist mit Sicherheit auch immer die Vergangenheit wichtig: Wie schlimm war es wirklich, dass wir uns nicht mehr zusammenraufen können? Kann man denn seine eigenen Befindlichkeiten nicht einfach mal zurückstellen und den anderen so sein lassen können, wie er ist?
Ich habe das vor zwei Wochen erlebt. Abends beim gemütlichen Essen mit Freundinnen kam das Thema auf, dass sich eine von beiden in letzter Zeit von jedem ungerecht behandelt fühlt, sich auf der Arbeit öfter krankmeldet. Ich finde es nicht in Ordnung, Kollegen, die die Arbeit mit übernehmen müssen, aus eigenen Befindlichkeiten, alleine zu lassen und sich krankzumelden. Das habe ich auch gesagt. Das schlimme aber war, dass ich am Ende die Aussage hatte, sie werde die Stelle, für die ihre Bewerbung derzeit läuft, nicht schaffen. Obwohl das gar nicht meine Absicht war und das auch wirklich nicht glaube. Eine dumme Verstrickung von Aussagen, die meine Freundin und die weitere Anwesende betroffen gemacht hat.
Hier um Verzeihung zu bitten ist unsagbar schwierig. So etwas vergisst der Gegenüber nicht so einfach, obwohl man öfter "Es tut mir leid" etc. äußert. Schließlich zweifelt die Person sehr an sich und Zweifel lassen sich schlecht mit Worten wegreden. Ich würde ihr sehr gerne einen Stein geben und um Verzeihung bitten. Und wenn sie mir den Stein erst spät zurückgibt, so wäre ich doch froh, diesen zurückerhalten zu haben.
Dass Hannah hier zunächst so schlecht verzeihen kann und es nur halbherzig tut, finde ich nachvollziehbar. Mit Worten alleine heilt man nichts. Taten sind das Große, die schlimme Momente vergessen bzw. verblassen lassen können.
Ich muss mir jetzt etwas einfallen lassen, damit meine Entschuldigung wirklich so aufgenommen wird. Fragt sich nur, was...

P. S.: Wenn ich das Buch gewönne, würde ich es wohl lesen, an meine Freundin weiterreichen und ihr einen Stein mit schenken...