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Ozelot und Friesennerz
von Susanne Matthiessen
-Roman einer Sylter Kindheit-
Ullstein 2020, 245 Seiten

Das Cover des Romans „Ozelot und Friesennerz“ von Susanne Matthiessen zeigt eine Gruppe von Menschen, die gut aufgelegt für ein Foto im Schnee posiert:
Die Kinder mit Gummistiefeln sowie Anoraks und gelbem Friesennerz, die Frauen im warmen Wolltuch oder gewachstem Lammfell, mit zweckmäßigen Wollmützen und Kompotthut bekleidet. Nur die Dame rechts außen fällt aus dem Rahmen. Très chic und mondän schaut sie aus in ihrer voluminösen Fuchsjacke, der Jeans mit Schlag und der lässig auf die Mütze gesteckten Sonnenbrille. Sie könnte in ihrer sportlichen Eleganz und dem teuren Pelz auch gut in den Schnee von Davos oder Ischgl passen, wenn da nicht die anderen wären, die so gar nicht nach Exklusivität aussehen, eher wie die armen Verwandten aus der Provinz. Geht der Blick des Betrachters nach links auf die Kulisse, wird klar, dass hier andere die Hauptrolle besetzen: Meer. Eis. Küste. Sylt... und Pelz.
Die Protagonisten des Romans sind visualisiert.

Susanne Matthiessen ist ein Inselkind, das es vor Jahren nach Berlin verschlagen hat, das Sylter Herz immer dabei.

Sie schreibt ein sehr persönliches Buch über ihre geschäftstüchtigen Eltern, ihre Oma mit skurrilen Spleens, die Freunde aus Schule und Nachbarschaft.

Dreh-und Angelpunkt der Matthiessens ist das Pelzgeschäft in der Westerländer Friedrichsstraße. Die Autorin ist quasi im Laden groß geworden. Sie braucht nicht rauszugehen, man kommt zu Matthiessens. Ob es der Erbe von Bohlen und Halbach ist, Axel Springer, Rudolf Augstein, selbst Soraya, aber das sollte man selber nachlesen.

Gewürzt wird mit unterhaltsamen Anekdoten, es wird hemmungslos aus dem Nähkästchen geplaudert, garniert mit Ausrutschern auf dem gesellschaftlichen und politischen Parkett, Insiderwissen konserviert und in mundgerechten Häppchen serviert. Trotz allen Ausplauderns von Geschichten, die wohl seinerzeit hinter der vorgehaltenen Hand weitergereicht wurden, bleibt die Erzählung erlebte Erinnerung, authentisch und mit einem Augenzwinkern im Großen und Ganzen gut gemeint.

Auf den letzten Seiten, wenn die Kindheitserinnerungen auserzählt worden sind, wirft die Autorin einen Blick auf die Gegenwart, der das Wissen um Vergangenes einschließt. Sie rechnet mit Investoren, die den Ausverkauf der Insel, „ihrer“ Insel, vorantreiben, ab und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Die vollendeten Tatsachen, die Inselpolitiker mit Lanserhof, TUI-Dorf und Sylt-Therme geschaffen haben, lässt sie nicht aus. Im Gegenteil, sie nennt Namen. Wenig bezahlbarer Wohnraum, unzuverlässige Fahrpläne der Bahn, umweltschmutzige Züge und Fachkräftemangel fehlen nicht in ihrer Abrechnung mit der Kommunalpolitik und Finanzhaien.

Susanne Matthiessen ist eine Frau von heute, die nicht im Gestern lebt. Sie erinnert sich nur und nimmt uns Sylt-Liebhaber ein bisschen mit in die abgeschottete Insiderwelt der Siebziger.

Biike und Rummelpott kennen wir auch. Vielleicht begreifen wir Fremden jetzt, dass das keine Extra-Veranstaltungen für Touris ist, sondern noch das letzte Stückchen Tradition der letzten echten Sylter aufrecht erhält.

Wir lieben die Insel und fühlen uns hier wohl. Aber dazu werden wir nie gehören. Nur die gute Luft, die gehört uns allen.

Rita Fischer im Corona-Juni 2020 auf Sylt