Ein Stück Zeitgeschichte

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Wir schreiben das Jahr 1972. Die provisorische Bundehauptstadt Bonn ist nach dem eindeutigen Wahlerfolg von Willy Brandt ein brodelndes Durcheinander. Doch Brandt muss sich einer Operation an den Stimmbändern unterziehen und kann deshalb nicht an den Koalitionsverhandlungen mit der FDP teilnehmen. In der Klinik kümmert sich die Logopädin Sonja darum, dass Brandt bald möglichst wieder reden kann.
Die Wirtin Hilde Kessel betreibt das ‚Rheinblick’, in dem sich die Bonner Prominenz trifft. Hier werden politische Entscheidungen getroffen, geheime Absprachen getätigt.
Als der Kalitionspoker härter wird, können sich Sonja und auch Hilde dem Ränkespiel nicht entziehen.

Was für ein großartiger Roman! Er erzählt ein Stück weit deutsche Geschichte, die es heute so nicht mehr gibt. In Zeiten der Politikverdrossenheit erfährt der Leser von Wahlbeteiligungen, die bei 90 % und höher lagen und davon, dass die Menschen sich mit der Politik befasst haben, statt herumzumeckern. Auch davon, dass gerade jungen Menschen etwas ändern wollten. Leute meines Alters können sich erinnern. ‚Richtig, so war das’, habe ich immer wieder gedacht und deshalb hat der Roman einen ganz besonderen Reiz für mich. Brigitte Glaser schafft es mit leichter Hand, dieses halb vergessene Feeling aufleben zu lassen.
Doch der Roman ist auch für jüngere Leute interessant, denn es geht um einen Mord an einer jungen Frau, um Erpressung und Politintrigen. Dabei vermeidet Glaser gekonnt jegliche Klischees, sondern setzt auf Authentizität. Der Leser merkt, dass sie gut recherchiert hat.
Die Charaktere des Romans sind wahrhaftig, mal liebenswert, mal fies, aber immer vielschichtig und interessant.
Fazit: Ein unbedingt lesenswerter Roman, der klug, aber auch unterhaltsam das Leben in der damals noch jungen Bundesrepublik schildert.