Gedankenreiche aber auch etwas theoretische Spurensuche

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marypoppins Avatar

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Stephan begibt sich mit seiner Mutter auf familiärer Spurensuche in die Ukraine, das ist interessant und hat mich sofort neugierig gemacht. Stephan schreibt toll und die Gegensätze zwischen Ost und West, die jeweilige Sicht des anderen auf das eigene, die politischen Theorien und Philosophien der Nachkriegs-Geschichte, die eigenen Befindlichkeiten und die eigene Befangenheit: das alles fasst Stephan gewandt und klar in unterhaltsame Diskurse.
Aber was mir fehlt, ist das Romanhafte. Ich glaube ich habe mehr Roman erwartet, aber mehr Dokumentation bekommen. Kluge Dokumentation, zweifellos, aber mir fehlte für Nähe zu den Figuren. Zu viel Theorie, zu wenig Möglichkeiten des Miterlebens, der Identifikation und des ungebrochenen Eintauchens in eine andere Welt. Ich hätte gerne mehr über die Mutter erfahren, über die Beziehungen hinter den geschilderten Momenten, und die lebensverändernden Wahrheiten habe ich auch nicht gefunden. Aus dem Stoff hätte man einen prallen, skurrilen, ideenreichen Roman schreiben können. Vielleicht habe ich so etwas erwartet wie: Die Geschichte des Traktors auf Ukrainisch, und war deshalb enttäuscht und habe immer auf den Moment gewartet, an dem es irgendwie losgeht! Also, toll und klug, aber viel trockener und theoretischer als erwartet!