Sommer der Wahrheit

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eule90 Avatar

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Sheridan Grant lebt mit ihrer Familie auf einer Farm in Nebraska. Die Familie Grant ist sehr einflussreich und hoch angesehen in dem Bundesstaat. Sheridan ist adoptiert, wird jedoch von einem Großteil der Familie als vollwertiges Familienmitglied angesehen. Lediglich ihre Adoptivmutter Rachel und ihr Bruder Esra machen ihr das Leben schwer. Rachel schikaniert Sheridan wo sie nur kann und nutzt sie als bessere Arbeitskraft. Esra nutzt es, dass er der Liebling seiner Mutter ist und tut alles, um seine Schwester in Schwierigkeiten zu bringen. Die schlimmste Tatsache ist jedoch, dass er Sheridan mehrfach nachstellt, sie sexuell belästigt und sogar versucht zu vergewaltigen.
Sheridan versucht das Beste aus der ganzen Sache zu machen und verkriecht sich hinter Büchern oder reitet mit ihrem Pferd aus. Auch hat sie eine große Vorliebe für Musik. Sie schreibt eigene Lieder und darf diese eines Tages zusammen mit anderen Schülern an ihrer Schule in einem Musical präsentieren. Auch auf dem großen, stattfindenden Rodeo darf sie mit ihrer Band auftreten. All dies jedoch jedes Mal nur mit Hindernissen, verursacht durch ihre Mutter oder ihren Bruder Esra.
Sheridan entdeckt durch ihre Bücher noch einer andere Leidenschaft in sich: Das verführen von Männern und den Sex mit ihnen. Hierbei stehen bei ihr meist ältere Männer im Vordergrund und sie versucht es auch mit fast jedem, den sie kennenlernt. Doch an Halloween, nimmt die Geschichte eine grausame Wendung: Sheridan wird von einem Polizisten, der sie schon länger verfolgt, vergewaltigt. In ihrer Not erschlägt sie diesen Mann. Es kommt nie raus, denn ein Freund von ihr lässt die Leiche verschwinden. Lediglich Sheridans Vater erfährt von der Geschichte, als er Sheridan nach einer illegalen Abtreibung mit starken Blutungen ins Krankenhaus bringt. Ab diesem Zeitpunkt liegt Sheridan nicht mehr viel an den Männern und dem Sex mit ihnen.
Etwas anderes beschäftigt Sheridan jedoch auch noch: Wo kommt sie her und wer sind ihre leiblichen Eltern? Ihre Adoptiveltern wollen ihr nichts erzählen. Mit der Zeit findet Sheridan immer mehr über ihre Herkunft und ihre jetzige Familie heraus. Die Geschichte nimmt immer grausigere Gestalten an und als Leser kann man es kaum fassen, zu welch schrecklichen Taten ein einziger, verbitterter Mensch fähig ist.

„Viele schöne Lesestunden“ wünscht Nele Neuhaus, bzw. Nele Löwenberg in der Danksagung am Ende des Buches dem Leser. Leider muss ich sagen, dass dies bei diesem Buch ein schier unmöglicher Wunsch ist. Zwar kommen ein paar Lesestunden zusammen, aber viel weniger, als man bei knapp 500 Seiten erwarten würde. Das liegt aber garantiert nicht daran, dass dieses Buch schlecht ist, sondern vielmehr an der Tatsache, dass man so sehr von der Geschichte um Sheridan Grant gefesselt ist, dass ein Aufhören schier unmöglich ist. Entsprechend schnell ist dieses Buch gelesen und ließ mich mit einem ganz eindeutigen Gefühl zurück: Schade, das Buch hätte gerne doppelt so lang sein können!
Mit dieser Geschichte hat Nele Neuhaus unter ihrem Mädchennamen einen sehr brisanten Roman geschrieben. Ich denke er spiegelt sehr gut wieder, wie die Moralvorstellungen auch heute noch in Amerika sind, und welche Probleme sich daraus, gerade für Jugendliche, ergeben können. Ich denke, wir können uns es hier nicht mehr vorstellen, dass es Schande über die Familie bringen könnte, mit einem Mann zu schlafen, mit dem man nicht verheiratet ist.
Mir hat gefallen, dass Sheridan in diesem Buch sehr genau beschrieben hat, was sie fühlt und welches Verlangen sie hat. Das hat es mir als Leser sehr leicht gemacht, mich in sie hinein zu versetzen und so habe ich auch sehr schnell, mit ihr mitfühlen können.
Dieses Buch ist so erschreckend ehrlich geschrieben, dass einem der Atem stockt. Viele Male habe ich beim Lesen gedacht, ich müsse aufhören, weil das Erlebte von Sheridan einfach zu schrecklich war. Ich gehöre sicherlich nicht zu den zartbesaiteten Lesern und lese mit großer Vorliebe Thriller, doch dieses Buch hat einen so gefangen gehalten und mir das Leben von Sheridan fast schon real vor Augen geführt. Es ist kaum zu beschreiben, was hier durch Worte erreicht wurde.
Ich kann dieses Buch nur weiterempfehlen, doch sollte man keinen seichten Roman erleben. Es ist eben doch ein „echte Nele“, wie es die Autorin im Vorwort schreibt.