Das braucht die Jugendbuchwelt!

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Inhalt

Alles, was Evie will, ist normal sein. Ein normales 16-jähriges Mädchen mit Freundinnen und einem Freund. Doch das ist gar nicht so leicht, wenn einem sowohl alltägliche Teenie-Probleme als auch eine psychische Erkrankung einen Strich durch die Rechnung machen. Evie tut alles, um ihre Krankheit zu verheimlichen, denn normale Menschen haben sowas nicht - oder?


Meinung

Ich weiß gar nicht, womit ich anfangen soll, denn es gibt so viele Dinge, die mir an diesem Buch gefallen haben und die es in meinen Augen von anderen Büchern des Genres abheben.

Da wäre zum einen das Thema psychische Erkrankungen, das hier sowohl anschaulich als auch sensibel behandelt wird.
Evie selbst leidet an einer Zwangsstörung und einer generalisierten Angststörung, was immer wieder auf verschiedene Weise in den Roman eingebaut wird. So erhält man zum Beispiel Einblick in ihr „Wiedernormalwerdetagebuch“, in dem ihre Aufgaben für die Woche und ihre Medikation notiert sind, und sie hebt immer wieder negative, durch die Erkrankung bedingte Gedanken als „Schlechter Gedanke“ hervor. Gerade diese Gedankengänge sind für einen oft kaum nachvollziehbar, weil sie auf einen Menschen ohne Zwangsstörung völlig übertrieben wirken, doch man bekommt so das Gefühl, besser zu wissen, wie es ist, mit einer so einschränkenden Erkrankung zu leben.
Zu Beginn des Buches befindet Evie sich gerade auf dem Weg der Besserung, doch man erhält auch immer wieder Einblicke darin, wie ihre schlechten Phasen aussahen, und erfährt, dass man von einer psychischen Erlangung nicht einfach so geheilt werden kann. Gleichzeitig geht es jedoch auch darum, wie man eine solche Erkrankung mit einem Sozialleben in Einklang bringen und wie andere Menschen einen unterstützen können. Gerade der Wunsch normal sein zu wollen, der dem Buch seinen Titel gibt, wird viel thematisiert, allerdings mit einer angenehmen Botschaft: Die richtigen Menschen nehmen einen so, wie man ist, und unterstützen einen. „Normal“ gibt es eigentlich nicht.
Ich hoffe wirklich, dass Bücher wie dieses Menschen mit psychischen Erkrankungen den Mut geben, offen darüber zu sprechen, und anderen Menschen die Augen öffnen und Einblicke in das Thema geben, sodass es in dem Bereich zu weniger Stigmatisierungen kommt.

Neben diesem ernsten und wichtigen Thema behandelt „Was ist schon normal?“ auch typische Jugendbuchthemen wie Freundschaft und die erste Liebe. Evie macht die Erfahrung, die die meisten jungen Menschen irgendwann machen, dass alte Freund*innen sich verändern, man sich vielleicht auseinanderlebt und dafür andere Kontakte knüpft. Das, ebenso wie ihren Wunsch, cool zu sein und dazuzugehören, empfand ich als sehr authentisch in Bezug auf die Zielgruppe des Romans.
Was das Thema erste Liebe und die ebenfalls typische Frage „Warum hatte ich noch keinen Freund?“ angeht, hebt sich der Roman sehr angenehm von seinen Genrekollegen ab. Denn während viele Jugendbücher sich darum drehen, dass die Hauptfigur unbedingt einen Freund haben will und glücklich ist, wenn es soweit ist, zeigt „Was ist schon normal?“, dass man in dieser Hinsicht nichts überstürzen sollte, nur weil man meint, endlich einen Freund haben zu müssen. Evie muss zunächst lernen, sich selbst zu akzeptieren, statt Teile ihres Lebens zu verbergen, um Jungs zu gefallen. Auch die Bedeutung einer guten Freundschaft zeigt der Roman anhand der„Spinster Girls“.

Zusätzlich nutzt Holly Bourne ihre drei weiblichen Hauptfiguren (Die nächsten beiden Bände sind Evies Freundinnen Amber und Lottie gewidmet.), um Feminismus und sexistische Stereotype zielgruppengerecht vorzustellen und zu behandeln. Dadurch, dass die drei Mädchen sich über Dinge wie den Bechdel-Test oder hohe Steuern auf Hygieneartikel für Frauen* unterhalten, werden diese Inhalte frech und jugendlich statt belehrend rübergebracht.

Der Aufbau des Buches ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, denn neben den Einwürfen über ihre Zwangsgedanken springt Evie auch gerne zu Ereignissen in ihrer Vergangenheit zurück, um diese näher zu beleuchten, wenn sie sie zuvor am Rande erwähnt hat. Dies ist aber in der Regel durch entsprechende Überschriften gekennzeichnet, sodass man nicht den Überblick verliert.
Auch an die verwendete Umgangssprache und die vielen Abkürzungen musste ich mich zunächst gewöhnen, da ich insbesondre britischen Jugendslang nicht gewöhnt war.


Fazit

„Was ist schon normal?“ ist ein Jugendbuch von der Sorte, von der es mehr geben sollte. Die Hauptfigur ist authentisch und sympathisch und hat einerseits mit normalen Teenie-Themen zu tun, andererseits widmet sich das Buch jedoch auch dem ernsten Thema psychische Erkrankungen. Ich hoffe sehr, dass Bücher wie dieses zur Entstigmatisierung dieses Themas beitragen werden.
Auch dass die weibliche Hauptfigur angenehm selbstständig ist und sich nicht von einem Mann abhängig macht, sich sogar mit dem Thema Feminismus beschäftigt, hat mir gut gefallen.