Wenn Uebel eine Reise tut ...

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casanni Avatar

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Tina Uebel, Hamburger Autorin mit einem Stipendium in Shanghai beschließt, diese Strecke auf dem Landweg zurück zu legen und durchquert mit dem Zug Bulgarien, die Türkei, den Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan und China. Das Buch ist auf der Grundlage eines blogs entstanden, den sie parallel zu ihrer Reise im Jahr 2010 schrieb. Tina Uebel beschreibt persönliche Begegnungen mit Menschen und mit einer Vielzahl von höchst skurrilen und unterhaltsamen Situationen sowie erstaunlichen architektonischen Gegebenheiten (… Achtung: fett und kursiv:) mit einer so einer geballten Ladung überwältigender Wortakrobatik und Sprachwitz, so dass man dieses Buch besser nicht in einem Zug liest, sofern man nicht durch laute Lacher die Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Hier ein paar Kostproben aus Hunderten ähnlich komischer Beobachtungen: nach stundenlangem Warten in der Hitze auf einem Abstellgleis: „...es ist erstaunlich, wie die Mischung aus reisemodaler Schicksalsergebenheit und Unterkoffeinierung meine sonstige Hyperaktivität auf das Aktionslevel einer Seepocke zu senken vermag.“ Oder ob der Architektur in Turkmenistan: „Wenn der slawische Geschmack auf den asiatischen Willen zum Dekor trifft, geht der Westeuropäer besser in Deckung.“ Uebels Schreibweise ist so unterhaltsam, dass das Reiseziel fast zur Nebensache wird: Wem bei 40 Grad "die eigenen Augenbrauen zu warm sind" und wem beim Warten "ein Seitenscheitel zu wachsen droht", der schafft es auch, den Leser für einen Ausflug in ein Möbellager zu begeistern … Doch würde es dem Buch nicht gerecht werden, wenn man es auf seine komische Seite reduzierte: auf sehr persönliche und respektvolle Art und Weise schafft Uebel einen Zugang zu Ländern zu schaffen, die dem durchschnittlichen Westeuropäer eher fremd sind. Dabei verzichtet sie bewusst auf politische Betrachtungen sowie auch auf klassische Reiseführerinformationen und wendet sich den höchstpersönlichen Erfahrungen und menschlichen Begegnungen zu.
Allerdings – wie im Nachwort beschrieben – die Welt hat sich in den 5 Jahren nach ihrer Reise stark verändert und an der ein oder anderen Stelle wird das dem Leser nur allzu deutlich klar … Trotzdem: ein absolut lesens- und liebenswertes Buch!