Ben und Trev

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dubh Avatar

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Nachdem ich das erste Buch von Jonathan Evison, "Alles über Lulu", sehr gerne gelesen habe, war ich auf den neuen Roman natürlich sehr gespannt. Und wurde nicht enttäuscht, soviel kann ich schon einmal vorweg nehmen!

Ben ist 40 Jahre alt, Krankenpfleger und fertig, im wahrsten Sinne des Wortes. Durch einen schweren Schicksalsschlag vor zwei Jahren hat er sämtliches Geld verloren und ist zudem des Öfteren ziemlich reizbar. Doch nun verfolgt ihn auch noch seine Frau Janet bzw, ein Kurier, der ihm endlich die Scheidungsunterlagen in die Hand drücken will. Da Ben endlich wieder zu Geld kommen sollte, um halbwegs über die Runden zu kommen, beschließt er, sich auf die Stelle als Pfleger für Trevor zu bewerben.

Trevor, genannt Trev, ist 19 Jahre alt und an der Muskeldystrophie Duchenne erkrankt. Dies bedeutet, dass er an einen Rollstuhl gefesselt ist und keinerlei Chance auf Heilung hat. Trev zeichnet sich durch Zynismus, aber auch durch eine Vorliebe für den Wetterkanal, Fish and Chips und - natürlich - Mädchen. Also ein ganz normaler junger Mann, der sich im Grunde nur dadurch unterscheidet, dass er sich wünscht, wieder im Stehen pinkeln zu können... Bislang kam Trev mit seinen Pflegern nicht besonders gut klar - ebenso wie mit Menschen, die mit ihm umgehen und reden, als sei er ein Idiot.

Die beiden Außenseiter freunden sich rasch an und Ben kann Trev von einer Reise nach Salt Lake City überzeugen. Trevs Vater Bob hat sich nach der Diagnose seines Sohnes vom Acker gemacht - eine Handlung, die ihm seine Frau Elsa und auch Trev bis heute nicht verziehen haben. Aber Ben hat Mitgefühl für Bob, der sich inzwischen bemüht, mit seinem Sohn Kontakt aufzunehmen. Deshalb rät Ben seinem Schützling, seinen Vater zu besuchen und sich anzuhören, was dieser zu sagen hat. So machen sie sich schließlich auf und fahren von Washington State nach Salt Lake City, Utah, wo Bob inzwischen lebt. Natürlich wäre "Umweg nach Hause" kein Buch von Jonathan Evison, wenn nicht unterwegs allerhand Skurriles geschehen geschehen würde! Und so gabeln die beiden Reisenden unterwegs zuerst Dot auf - ein 18jähriges Mädchen, stark gepierct und tätowiert. Dann sind da noch Peaches, die im neunten Monat schwanger und auf dem Weg nach Wyoming zu ihrer Mutter ist, und Elton - auf Bewährung entlassen und der festen Überzeugung, Erfinder zu werden.
Ein Auto voller Loser, könnte man sagen und würde vermutlich nicht von vielen Widerspruch hören. Und ja, jeder hat sein Päckchen zu tragen - selbst verschuldet oder nicht - und es machen sich einige resignierte Gedanken breit. Doch eines ist natürlich auch klar: diese unverhoffte Reise kann und wird alle Protagonisten verändern. Der eine benötigt vielleicht einen Tritt in den Allerwertesten, aber alle müssen lernen, dass sie keine Ort, kein festes Zuhause suchen, sondern letztlich sich selbst. Dieses Gefühl angekommen zu sein, sich geborgen und friedlich zu fühlen, kann man nicht irgendwo suchen, sondern muss es bei sich selbst finden. Ganz nebenbei versteht sich, denn Trevs Hauptziel ist es, auf der Reise noch möglichst viel zu sehen und zu erleben. Was die Fahrzeuginsassen dann auch tun...

Jonathan Evisons Schreibstil ist einfach toll: locker und flüssig und trotzdem hat die Gesichte den richtigen Tiefgang. Der Autor schaffte es, diese rotzige Sprache und die etwas prolligen Unterhaltungen der Hauptfiguren durchzuziehen, ohne dass sie jemals peinlich wirken. Nein, Ben, Trev und die anderen Mitreisenden sind ganz einfach so.
Dieses Roadmovie bietet viel Situationskomik und Witz, beschert manchmal einen ordentlichen Kloß im Hals und geht zu Herzen. Ein richtig guter Roman, der mich von Anfang bis zum Ende bewegen und fesseln konnte.

Fazit: Ein Buch, das zum Nachdenken und gleichermaßen zum Schmunzeln anregt. Obwohl ich mich mit Vergleichen immer etwas schwer tue und finde, dass jedes Buch für sich stehen sollte, denke ich, dass "Umweg nach Hause" für all diejenigen etwas sein könnte, die "Ziemlich beste Freunde" mochten.