Sachliche Darstellung

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stephi Avatar

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Fähner bringt seine Frau auf bestialische Weise um, verstümmelt sie - weil er sie liebt. So unglaublich es klingen mag, so überzeugend ist die diesbezügliche Darstellung Ferdinand von Schirachs. Er beschreibt auf sehr sachliche Art die Umstände des Todes der Frau und die anschließende Gerichtsverhandlung. Obwohl es sich dabei aufgrund des Umfangs des Textes natürlich nur um eine Zusammenfassung handelt, habe ich das Gefühl, alle wichtigen Informationen erhalten zu haben.

Im Text heißt es, Fähner habe den Leuten im Dorf leid getan. Das mag befremdlich klingen, ist aber in Anbetracht der Darstellungen verständlich. Jahrzehntelang hat er sich der Tyrannei seiner Frau untergeordnet. Er, der ein erfolgreicher und angesehener Arzt war, hat fast schon störrisch alle Gemeinheiten, Beleidigungen und Verwünschungen über sich ergehen lassen. Ich glaube kaum, dass irgendjemand nicht verstehen kann, dass irgendwann auch bei ihm die Dämme brechen mussten. Damit meine ich nicht - und das möchte ich ausdrücklich betonen - dass der Mord die logische oder gar richtige Folge aus seinem Martyrium ist. Das auf keinen Fall.

Es wird jedoch deutlich, in welchem Maße sein Schwur der ewigen Treue und ewigen Liebe ihn beeinflusst und gefangengenommen hat. Er konnte sich nicht davon lösen, seinen Schwur nicht brechen. Noch im Gerichtssaal betont er, seine Frau noch immer zu lieben, wie er es einst geschworen hatte.

Natürlich macht dies alles die Tat nicht besser. Allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass niemand sein Handeln wirklich verstehen kann. Jeder rational denkende Mensch hätte sich längst scheiden lassen - aber er denkt eben nicht rational. Das ist der Punkt.

Es hat mich beeindruckt, mit welcher Sachlichkeit Schirach diesen sowohl psychologisch als auch kriminalistisch überaus spannenden Fall dargestellt hat. Es gelingt ihm, das Geschehen ohne Wertung darzustellen und ermöglicht es dem Leser, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Das Buch verspricht auf der Grundlage dieser Leseprobe sehr interessant zu werden. Ich denke, dass es einige Fälle gibt, die beim Leser in einem gewissen Sinne Verständnis hervorrufen, während andere zu blankem Entsetzen führen. Man darf gespannt sein.