Literarisches Labyrinth

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rumble-bee Avatar

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Beginn der ersten Lektüre. Ich begegne Boris in seinem merkwürdigen Geschäft für "verworfene Ideen". Ich erschnuppere seine Gedankenwelt, die zwar ein wenig fremd, aber doch hintersinnig und tiefgründig scheint. Eine Frau betritt seinen Laden, eigentlich aus Versehen. Auch sie schnuppert, und was sie findet, scheint ihr zu gefallen. Denn sie kommt wieder, um sich mit Boris näher zu befassen. In ihren Gesprächen tauschen die zwei allerlei philosophische Spitzfindigkeiten aus, und ich als Leser entwickele eine Art Faszination. Es werden immer mehr Gedankensplitter in den Raum gestellt, jeder für sich ein wenig skurril, alle zusammen jedoch wunderbar kauzig.

Doch dann schlägt das Buch eine andere Richtung ein. Boris lüftet für seine schöne Besucherin sein größtes Geheimnis: er erzählt ihr von den verworfenen Roman-Anfängen, die er ebenso sammelt. Mit anderen Worten, jetzt wird das Buch zu einer Art "Babuschka", diese russischen Puppen, bei denen immer noch eine weitere, kleinere Version in der größeren wartet. Mit Boris und Rebecca öffnet der Leser so nacheinander drei Geschichten, um sie anschließend genauso wieder ineinander zu stapeln. Nachdem man so wieder in der Gegenwart angelangt ist, ist das Buch fast sofort zu Ende. Nur noch zwei, drei Seiten, und aus. Rebecca und Boris haben anscheinend den ganzen Tag verplaudert, und verabreden sich nun zum gemeinsamen Abendessen. Das war's.

Ich gebe zu, im ersten Moment wollte sich ein wenig Frustration einstellen. Denn den Sinn des Ganzen bekommt man in diesem Buch gewiss nicht auf dem Silbertablett serviert. Nein, erst im Nachhinein wird mir klar, dass dieses Buch sozusagen eine Baustelle ist. Nichts ist fertig, alles lädt den Leser ein, sich sein eigenes Gedankengebäude zu errichten. Und genau das fasziniert mich ungemein! Ich habe lange nach einem Vergleich gesucht, um dieses Buch zu deuten. Mir fällt lustigerweise nur ein Film ein, kein Buch: "Mulholland Drive" von David Lynch. Bei diesem Film war es genauso. Man kann ihn sich unzählige Male ansehen, und wird doch nie zu einer endgültigen Deutung kommen. Das Ganze ist ein Rätsel, ein schillerndes Kaleidoskop, surreal und schräg. Man mag sich fest vornehmen, die "Handlung" sozusagen durch eine bestimmte Tür zu betreten - und doch wird man immer wieder durch eine andere Tür ins Freie gelangen. Das ist so gewollt, und letztlich auch sehr spannend.

Sicher, ich könnte mich jetzt daran setzen, und dieses schillernde Buch auf Querverweise und Anspielungen untersuchen. So kommen gewisse Themen in den verschiedenen Rahmenhandlungen immer wieder vor, wie z.B. Getränke (Tee und Kaffe), sinnlose soziale Gepflogenheiten, aus Idealismus geführte Geschäfte, oder die Suche nach dem Sinn des Lebens. Auch könnte man vermuten, Boris habe sich in den Romananfängen, die er vor Rebecca ausbreitet, im Grunde selber dargestellt. Er ist sowohl der Sanitäter in der Handlung um Sophia, als auch der blinde Gelehrte, als auch Heiner in der letzten Geschichte. Auch literarische Verweise gibt es. Zumindest in der letzten Geschichte. Hier wird deutlich, dass Jakob Hein sich eine moderne Version des "Faust" ausgedacht hat. Und in der mittleren Geschichte um Sophia meine ich, deutliche Anklänge an Haruki Murakami zu erkennen.

Aber wird man damit diesem Buch wirklich gerecht? Ich meine, nein. Man muss sich auf dieses Abenteuer einlassen, man muss sich hindurchtasten durch dieses Labyrinth, und man sollte es möglichst mehrmals lesen. Man wird immer Neues daran entdecken, und man wird bezaubert sein vom schillernden Ideenreichtum dieses zwar ungewöhnlichen, aber farbigen literarischen Kleinods. Nur eines wird man niemals schaffen: es in eine Schublade zu stecken.