Riikka Pulkkinen: Wahr

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Elsa hat nicht mehr lange zu leben, ihre Tochter und ihre Enkelinnen kümmern sich um sie und wollen ihre letzten Lebenstage so schön wie möglich für sie gestalten. Als ein Kleid in Großmutters Schrank auftaucht, das Jahrzehnte lang zusammen mit einer Geschichte aus der Vergangenheit in Vergessenheit geraten war, erzählt Elsa auch von weniger schönen Jahren, die ihre Ehe auf eine harte Probe stellten. Enkelin Anna zieht Parallelen zwischen der Affäre ihres Großvaters mit dem jungen Kindermädchen und einer Episode aus ihrem eigenen Leben. Vergangenheit und Gegenwart, Wahrheit und Fiktion verschwimmen immer mehr in einer emotional mitreißenden Familiengeschichte.

Sehr gefühlvoll nimmt sich Riikka Pulkkinen ihren Figuren an, lässt ihre Handlungen und Gefühle nachvollziehbar erscheinen, auch wenn man sich selbst nicht damit identifizieren kann. Sowohl die beruflich erfolgreiche Großmutter, die auch an ihren letzten Tagen ihr Leben genießt, als auch der untreue Ehemann, der über die Jahre zu einem liebevollen Großvater wurde wachsen dem Leser ans Herz. Auch die Enkelin Anna, die selbst die Erfahrung machte, “die andere Frau” zu sein und noch immer unter der Trennung leidet, wird so plastisch zum Leben erweckt, als würde man sie persönlich kennen.

Nicht nur die realitätsnahen Figuren, sondern auch die subtile Art, schwierige Themen anzugehen, haben mich an diesem Buch begeistert. Tod, Trauer, Untreue und Familiengeheimnisse stellen keine Probleme für die junge Autorin dar. Sie nimmt sich jedem Thema sehr fürsorglich an und präsentiert es dem Leser mit sehr viel Gefühl. Das Innenleben der Figuren wird sehr genau beleuchtet und detailliert beschrieben. Durch häufige Perspektivenwechsel kann man sowohl die eigene Sicht der jeweiligen Figur, als auch das Bild, das andere Figuren von ihr haben kennenlernen, wodurch ein noch mehrdimensionaleres Bild entsteht.

Vieles wird allerdings nicht in aller Deutlichkeit gesagt. Es bleibt Platz für eigene Gedanken und Interpretationen. Pulkkinen traut ihren Lesern durchaus zu, eigene Schlüsse zu ziehen, kaut nicht alles Schritt für Schritt vor. Aufmerksam und konzentriert lesen sollte man also schon, da man sonst zu leicht wichtige Details übersehen kann. Mir fiel das allerdings nicht weiter schwer, weil mich das Buch auf jeder Seite so in seinen Bann gezogen hat, dass ich die Welt um mich herum vergessen habe.

Erwartet hatte ich einen Roman über den Abschied von einem geliebten Menschen, über Alter und Trauer. Gelesen habe ich ein ganz wundervolles Buch über verschiedene Arten von Liebe, das ich guten Gewissens weiterempfehlen kann.