Fesselnder und vielschichtiger Familienroman

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tinari Avatar

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"Was ich euch nicht erzählte" ist ein hervorragender, bis zum Ende spannender Krimi und tiefgründiger Familienroman in einem.

Lydia, die Hauptfigur des Romans, ist tot, das erfährt der Leser gleich im ersten Satz des Romans, während die Familie der Toten noch einige Zeit auf diese schreckliche Nachricht warten muss.

Der Roman erzählt komplex, vielschichtig und aus unterschiedlichen Perspektiven der einzelnen Familienmitglieder, wie es zu Lydias tragischem Tod kam. Dabei bleibt bis zuletzt unklar, wer dafür verantwortlich ist. Deshalb eignet sich der Roman für Krimifans, denn er bietet einige unerwartete Wendungen - immer dann, wenn dem Leser gerade erst klar zu sein schien, was passiert ist.

Der Roman ist aber nicht nur ein Krimi, sondern vielmehr ein vielschichtiger, tiefgründiger Familienroman, dessen Betrachtungen in mehreren zeitlichen Ebenen stattfinden. In einem Strang des Romans werden die aktuellen Geschehnisse rund um die verstorbene Lydia, Lieblingstochter ihres Vaters, erzählt. Ein anderer reicht weit in die Vergangenheit des Vaters, eines chinesischen Einwanderers und in die seiner amerikanischen Frau.

Celeste Ng gelingt es auf meisterhafte Art aufzuzeigen, wie die Lebensgeschichte der Eltern sich auf die ihrer Tochter auswirkt. James, der chinesische Einwanderer, fühlte sich stets diskriminiert und wünscht sich für seine Tochter, dass sie ein ganz anderes Leben führen kann als er. Marilyn, die Mutter, konnte sich beruflich nie ausleben und möchte um jeden Preis verhindern, dass es ihrer Tochter auch einmal so geht. Beide üben auf ihre Art enormen Druck auf die Tochter aus, ohne selbst zu merken, wie ihre eigenen enttäuschten Lebenserwartungen das Mädchen prägen und es immer mehr in unlösbare Situationen bringen.

Celeste Ng zeichnet die Charaktere der Eltern, aber auch der beiden Töchter meisterhaft, die Figuren werden so lebendig, dass man sie manchmal schütteln möchte, wenn sie von ihren eigenen Irrwegen nicht abkommen und dabei noch absolut überzeugt sind, auf dem richtigen Weg zu sein. Den Druck, unter dem die Tochter Lydia steht, spürt man als Leser geradezu am eigenen Körper. Die Spannung bleibt bis zur letzten Seite mit überraschendem Ende.

Wer einen wirklich fesselnden, vielschichtigen Familienroman lesen möchte, der wie kaum ein zweiter aufzeigt, wie auch die besten Absichten der Eltern sich ins Gegenteil verkehren können, wenn diese nicht merken, dass sie statt das Kind in seinen Träumen zu unterstützen ihre eigenen Träume am Kind verwirklichen wollen, dem sei dieser Roman dringend ans Herz gelegt.