Einfühlsam, lebhaft und phantasievoll!

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„Dies war ein Haus für eine andere Zeit, eine vergangene Lebensform.“

Ein Jahrzehnt nachdem Marlene und Konrad das alte Gutshaus in Plenskow kaufen, mit Restaurierungen beginnen und dort mit ihren drei Kindern, Selma, Laure und Jakob, sowie den Eltern Konrads, Rita und Pavel, einziehen, sehen sie sich gezwungen, es wieder zu verkaufen und weiterzuziehen. Beim Umzug bricht sich Nikita, Konrads Bruder, das Bein, was ihn dazu veranlasst, einen Rückblick über die zehn Jahre in dem Dorf anzustellen und in schriftlicher Form festzuhalten.

Kurz nach der Wende entdecken Marlene und Konrad ein altes Gutshaus im mecklenburgischen Plenskow. Kurzerhand kaufen sie es und beginnen mit der Restauration. Konrad richtet sich eine Arztpraxis ein und Marlene gründet ihr Café „Granatapfel“. Nikita, ebenfalls Arzt, hilft bei der Restaurierung und unterstützt das Projekt finanziell. Dabei wurde er von seiner großen Liebe Marlene für Konrad verlassen und müsste außerdem dringlich an seiner Doktorarbeit schreiben. „Doch als ich an jenem Sommermorgen ein federleichtes, getigertes Kätzchen aus der Mülltonne barg, wo es irgendein Mensch – nie weiß man, wer so etwas macht – zum Sterben in einem Schuhkarton deponiert hatte, wurde mir auf einmal klar, wie sehr sie mir fehlten [...]. Meine Wohnung war nur ein Depot, eine Wartungsstätte des Alltags, da ließe sich kein Tier halten; hier in Plenskow aber gab es Platz und drei Kinder, die Ferien hatten. Konrad und Marlene nahmen es hin, in der Haustierfrage übergangen zu werden, die Kinder waren begeistert und ich erleichtert über diesen Schritt auf sie zu.“

Bei der Renovierungsarbeiten wird ein Wandgemälde entdeckt, das von einem Restaurator, Herr Tile, freigelegt wird und ihn sogar zu einem Werk über die Kulturgeschichte des mecklenburgischen Landadels inspiriert. Das Wandbild, auf dem zwei Personen mit einem Pferd zu sehen sind, soll auch für seine Einwohner und Besucher eine wichtige Rolle spielen. Das gesamte Geschehen hindurch werden Mutmaßungen darüber angestellt, was die Person auf dem Wandgemälde in der Hand hält. Jeder sieht etwas Anderes darin, und das, was er sieht, gibt Aufschluss über den Charakter und die Lebenseinstellung der jeweiligen Person. Marlene sieht einen Granatapfel darin, der Symbol für die Fruchtbarkeit des Geistes und schöpferische Gestaltungskraft ist: Dank ihrer Phantasie und Arbeit entsteht das Café „Granatapfel“, das ein großer Erfolg wird. Selma, die älteste Tochter Marlenes, erblickt eine Sonne darin – der Sonne gleich verkörpert Selma Fortschritt, Standhaftigkeit, Ausdauer, Größe und Lebensfreude. Laure, ihre Schwester, ist überzeugt, dass es ein Herz ist – mit äußerlicher und innerer Schönheit sowie mit einer melodischen Stimme und musikalischem Talent gesegnet, personifiziert sie Liebe, Kraft, Durchhaltevermögen und Leben. Pavel sieht eine Trommel: Er sorgt für Bewegung und Veränderung. Agnes, die Schwester Nikitas und Konrads, erkennt eine Granate darin – in einer homosexuellen Beziehung lebend, bricht sie mit gesellschaftlichen Konventionen, was zur damaligen Zeit für Überraschung und Aufruhr sorgt. Elsa, Nikitas spätere Frau, wird auf dem Bild einer Herbstzeitlosen ansichtig, die für den Herbst des Lebens steht. Herr Tile gewahrt auf dem Gemälde zu Anfang einen Apfel, der für Wissen und Macht steht, später aber einen Totenschädel, Symbol für den Tod – ein Memento mori. Das ‚Pflegemittelpaar‛, das das Gutshaus Marlene in regelmäßigen Abständen abzukaufen versucht, sieht konsequenterweise ein Geldsäckchen in der Hand der Figur.

Nikita selbst, der Ich-Erzähler, meint am Anfang einen Ball zu erkennen – er empfindet sich als Spielball der Familie. Er fühlt sich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Unabhängigkeit und einem eigenen Leben und der Sehnsucht nach seiner Familie gekoppelt mit dem Wunsch zu helfen und zu unterstützen. Während eines Familientreffens fragt er sich: „Hatte ich nicht selbst einmal versucht, mein Leben in die Hand zu nehmen, mich unabhängiger zu machen? Warum war ich wieder so tief hineingerutscht in diese unbekömmliche Konstellation? Was hielt mich? Konnte ich nicht zumindest damit aufhören, die Plenskower an erste Stelle zu setzen? Wer setzte mich an erste Stelle?“ Bald darauf, nach einer Pause von seiner Familie, stellt Nikita fest: „Mein Leben allein – was war das eigentlich für eine Bußübung, und was hatte es genützt? Oder war es Verstocktheit, wie Konrad sagte? Mutwilliges Abschnüren meiner Lebensader? Diese Fragen entschieden sich, als ich in die Plenskower Dorfstraße einbog und endlich wieder das Gefühl hatte, am Leben zu sein.“

Nach allen Höhen und Tiefen schließen sich langsam Nikitas Wunden und das Wandbild offenbart ihm sein ganzes Geheimnis: „Es war wie ein Fenster in eine frische Anderswelt, in der die Jahreszeiten zusammenfließen, in der die Sterne bei Tage leuchten, in der Tiere, Menschen und Pflanzen miteinander sprechen. Überhaupt erschienen mir die beiden Figuren nicht als Menschen, sondern nur menschenähnlich, denn sie waren alles zugleich: Frau und Mann, Kind und Greis, Faun und Fee. Das Ding in der Hand war, wie ich nun sehen konnte, kein Ball und kein Apfel, sondern eine Sonne, die gerade in den Himmel aufstieg. Selma hatte recht. Wir anderen hatten das Offensichtliche nicht erkannt.“

„Wo ist Norden“ ist ein einfühlsam, lebhaft und phantasievoll geschriebener Roman, den man mit all seinen Figuren ins Herz schließen muss! Unmittelbar und doch poetisch. Wahre Dichtkunst!