Familienbande und ihre Tücken

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
marapaya Avatar

Von

Familie kann manchmal furchtbar anstrengend sein, besonders wenn man sich als unabhängig von ihr betrachtet und der Meinung ist, schon längst ganz selbstständig eigene Entscheidungen zu treffen. Das ist meist kurz vor dem Moment, wo die eigene Welt mal eben kurz implodiert. Dann sind die Freunde das Eine, der Anker aber die Eltern oder Geschwister, weil man denen einfach nichts vormachen kann, selbst wenn man sich noch so sehr bemüht. Aber im Familiengefüge hat auch jeder seine über Jahrzehnte erworbene Rolle zu spielen. Daraus lässt sich ganz schwer ausbrechen. Spätestens nach einem halben Tag im Kreis der engsten Lieben ist man wieder eingeklinkt im Familienteufelskreis. Das kann man sehr schön an Nikita Wander beobachten. Barbara Handke hat sich für ihren Provinzfamilienroman einen etwas Abseits stehenden Ich-Erzähler ausgesucht, der in einer wirklich schwierigen Familienkonstellation hin- und gerissen ist zwischen dem Wunsch nach Nähe und Anerkennung, Abstand und Eigenständigkeit.
Nikita Wander wurde in der DDR geboren, beide Eltern Lehrer und überzeugte Sozialisten. Die Mutter Rita verfolgte während ihrer Schwangerschaft mit dem Erstgeborenen eine politisch motivierte Schwärmerei für Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, damaliger Regierungschef der Sowjetunion. Gegen Sergejewitsch als Zweitnamen konnte sich Vater Pavel immerhin einmal durchsetzen. Mit 15 verliebt sich Nikita. Für die gemeinsame Zukunft mit der wundervollen Marlene lassen sich die Zwänge des DDR-Regimes ertragen, Schule, Armeedienst, Medizin-Studium. Und doch sollte ein beherzter Sprung ins kühle Nass das Aus für die junge Liebe bedeuten. Denn leider ist nicht Nikita gesprungen, sondern der jüngere Bruder Konrad und beeindruckte Marlene damit so nachhaltig, dass sie mit Konrad eine Familie gründete statt mit Nikita.
Dennoch kommt Niketsch, wie Marlene ihn nennt, nicht los von dieser Familie. Er flüchtet sich in die Arbeit, leistet seine Assistenz in einem ehemaligen Gutshaus im mecklenburgischen Plenskow ab und die Familie folgt hinterher. Marlene ist bei einem Besuch so begeistert von dem Haus, dass sie und Konrad es nach dem Fall der Mauer erwerben und Instand setzen. Eine Praxis für Konrad, der auch Medizin studierte. Ein Café für Marlene. Drei Kinder. Aus Kostengründen dürfen auch die Eltern Rita und Pavel mit einziehen. Und Niketsch, nun in einem städtischen Klinikum arbeitend, leistet Hilfe, investiert Geld, Zeit und Kraft und schwärmt weiter von Marlene. Es ist eine merkwürdige Figurenkonstellation. Und doch nehme ich sie der Autorin ab. Familien können so eigen sein. Da ist alles möglich. Und in der Liebe sowieso. Es ist berührend die Hauptfigur in ihrem zähen Ringen um Abstand, Liebe und Anerkennung zu beobachten. Die traurige Sehnsucht frisst einen geradezu auf. Und doch hat es sich Nikita auch ganz bequem gemacht in seiner Rolle als betrogener, verlassener Bruder. So bequem, dass er sie ungern aufgeben will.
Neben der Familienkonstellation bezieht Barbara Handke aber auch die unergründlichen Sümpfe des Dorflebens mit ein. Als Zugezogener gehört man frühestens in dritter Generation dazu oder wenn keiner mehr da ist, der sich erinnert, dass man hier nicht geboren wurde. Und in einem Dorf im karg besiedelten Norden des ehemaligen Ostens kämpft ein jeder ums nackte Überleben. Wie soll man es aushalten, dass Zugezogene kommen und alles anders und besser machen wollen. Wie soll sich diese Herabsetzung demütig ertragen lassen können? Wohin mit der Angst, der Unsicherheit, der Wut? Konflikte sind vorprogrammiert und werden auf den Rücken der Schwächsten ausgetragen. So ein Dorf ist nichts für schwache Nerven.
Die Erzählperspektive von Barbara Handke gefällt mir. Es ist ein Blick von außen, von jemandem, der zwar zur Familie gehört, aber immer nur am Rande in alles involviert ist. Diese halbe Distanz tut der Geschichte gut, macht sie überzeugend und nachvollziehbar. Lässt den Leser durchatmen, wenn die Familiendynamik sich zu sehr hoch spult. Es ist eine einfühlsame, ehrliche und spannende kleine Chronik einer Zeit voller, neuer Möglichkeiten, „die doch nicht ganz bedingungslos zu haben waren.“