Toll geschrieben, Frau Handke!

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yasemine Avatar

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Barbara Handkes WO IST NORDEN bewegt sich im Deutschland nach dem Mauerfall und beschreibt das Leben von Niketsch und seinen Verwandten in diesen turbulenten Neunzigern. Niketsch – eigentlich Nikita, wie Chruschtschow – ist Anfang dreißig, angehender bzw. sogar bereits fertiger Arzt, der gerade an seiner Doktorarbeit schreibt.

Er ist ein extrem kluger, begabter junger Mann, der jedoch an seinem geringen Selbstwertbewusstsein und am Mangel an Wertschätzung aus seiner sozialen Umgebung beinahe zugrunde geht. Erst als Anfang bis Mitte 40iger schafft er es, wenn schon kein wahrlich glückliches, so doch ein nüchtern gesetztes Leben für sich selbst aufzubauen.

Nikitas Geschichte zu lesen ist irgendwie schön – Barbara Handke hat es meisterlich verstanden, die Atmosphäre von Plenskow, dem Dorf nahe Berlin, in dem der Gutshof aufgebaut wird, die Diskrepanzen zwischen westlichen und östlichen Werten (Stichwort einziehender Kapitalismus) und all die Zwischentöne, Sorgen und Nöte, die die Menschen in all ihrer schrecklichen Menschlichkeit und mit all ihren unreifen Verhaltensweisen quälen, einzufangen. Manchmal ist alles wunderbar entschleunigt und wie in einem Traum.

Zugleich ist es aber auch schmerzhaft, dieses volle Jahrzehnt so klar vor Augen gehalten zu bekommen. Zu sehr wünscht man sich nicht nur heldenhafte Taten, sondern auch Menschen, die über sich hinauswachsen, die Realität erkennen und sie anpacken, die glücklich werden können und deren heldenhafte Taten Früchte tragen. Doch wie wir alle wissen, wurden Ostdeutschland nicht in seiner Individualität wahrgenommen, respektiert und akzeptiert, sondern überrannt und hatte sich einfach an den Westen anzupassen.
Die hinzukommende schöne melancholische, fast schon phlegmatische, Stimmung des Romans lässt jegliche Hoffnung, dass sich das Blatt doch noch wendet, im Keim ersticken.

Marlene, Nikitas frühere Freundin, hat seinen erfolgreichen und von den Eltern sehr geliebten Bruder geheiratet und drei Kinder mit ihm. Da Nikita die Trennung nie überwunden hat, übt sie weiterhin großen Einfluss auf ihn aus und er wird zum Teil des Gutshofs-Projektes, das Marlene tatkräftig in Angriff nimmt: Sie hat das Gutshaus inkl. Hof sehr günstig erworben und ist fest davon überzeugt, es nun, da die Zeiten sich ändern und golden werden, mit der Eröffnung eines Cafés für Touristen und Fahrradfahrer durchbringen zu können. Ihr Mann hat im Gebäude seine Praxis und neben den Schwiegereltern kann auch Nikita einziehen. Leider unterschätzt sie gänzlich die Kosten der Restaurierung und Instandhaltung des Anwesens. Die Schwiegereltern haben ihr Haus verkauft und den Erlös davon in das Gutshaus investiert. Nikita gibt im Laufe der Jahre ebenso Unsummen aus, die er Marlene „leiht“ – und verzichtet somit auf die Verwirklichung seines Traumes, nämlich sich ein Boot zu kaufen.

Das Dorf selbst ist nicht sehr freundlich zu allen – im Prinzip gibt es schon am Anfang so kleine Schwierigkeiten, jedoch scheinen sie (auch dem Leser!) als bewältigbare Kleinigkeiten, die überall vorkommen. Letztlich ziehen aber alle, die können, weg. Nur die gänzlich Unfähigen und Radikalen bleiben bis zum Schluss übrig. Da sie auch vor Gewalt nicht zurückschrecken, muss am Ende dieses Jahrezehnts die Familie sich eingestehen, dass sie besser geht und ihr Glück anderswo findet. Auch die Arztpraxis läuft nicht so gut, wie erhofft.
Soviel zu den Rahmenbedingungen.

Als Leser fragt man sich aber sehr oft auch: Wie kommt es, dass Niketsch da mitmacht? Er ist ein wahrer Antiheld und es schmerzt, zu erleben, dass er sich von seinem Bruder, in dessen Schatten er steht, und seiner Familie abgrenzen kann. Weshalb findet er keine neue Marlene, heiratet diese und gründet seine eigene Familie, die er doch so gerne hätte? Weshalb schafft er die Loslösung nicht?
Ich denke, genau deswegen ist er so symphatisch.
Eben, weil er es nicht schafft.
Eben, weil es so menschlich ist.
Eben, weil wir das doch auch alle selber kennen, dass wir Menschen, die wir lieben und um die wir uns sorgen, auch dann, wenn sie es eigentlich nicht verdient hätten, nicht einfach zurücklassen.

Barbara Handke ist die Darstellung dieses Protagonisten wirklich exzellent gelungen. Sie beschreibt ganz fein und mit so vielen spannenden literarischen Handgriffen diesen jungen Mann, der für sich herausfinden muss und möchte, wer er eigentlich ist; man bemerkt so vieles an ihm, das gar nicht gesagt wird, aber sich einfach zeigt. Ganz toll!
Die anderen Charaktere spielen natürlich ebenso eine Rolle, aber mein persönliches Augemerk liegt dann doch auf dem Protagonisten und all das, was rund um ihn passiert. Es ist so spannend, diese Selbstsicht von ihm auf sich versus was dann oft runderhum passiert, also versus die Fremdsicht. Wie im echten Leben, wo wir ja auch das, was rund um uns passiert und wirklich gedacht wird, möglichweise gar nicht bewusst wahrnehmen und wissen und manche Dinge sich erst später als "offensichtlich" erweisen (und uns nur stauenen lassen).

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Man hofft einfach immer weiter, dass es besser wird, anders, dass man so gesehen wird, wie man ist. Bei Nikita ist es dasselbe.

Erst als aufgrund verschiedener Umstände Niketsch immer weniger Zeit auf dem Gutshaus verbringen kann, beginnt er, sich doch auch sein eigenes Leben aufzubauen. Es ist nicht das schillernde glückliche Leben, das man ihm wünscht. Aber es ist ein zufriedenes Dasein, in dem er es weit gebracht hat. Beruflich wie privat ist er gesetzt. Man kann nicht glauben, dass er weiterhin unter dem Minderwertigkeitskomplex leidet, aber es ist so. Als Leser erkennt man, dass er sowohl beruflich als auch privat sehr viel besser als sein Bruder ist. Er ist ethisch und moralisch korrekter, bringt es im Beruf weiter und offenbar sieht er auch gut aus (auf sein Aussehen wird nicht weiter eingegangen), denn immer wieder mal lächeln ihm auch unbekannte Frauen zu, er würde ihnen offenbar sehr wohl gefallen, doch hat er leider keinen Mut und eben kein Selbstvertrauen, dass er das tatsächlich auf sich selbst beziehen könnte. Hätte er ein positiv verstärkendes soziales Umfeld, er könnte sowohl der Sunnyboy bis Anfang 50 sein und das Leben genießen, ebenso könnte er locker eine ganz tolle Frau finden, mit ihr die Familie haben, die er bislang immer nur im Spiegel seiner Gutshof-Familie hat, die nie die seine sein wird und die er sich doch so sehr wünscht; die Gutshof-Familie seines Bruders und seiner Marlene mit den Kindern und den eigenen Eltern im Obergeschoß, in der er ohnehin nicht ganz angenommen wird, sondern immer nur der (mit Verlaub) „gutmütige Trottel“ ist, der sämtliche Schwierigkeiten miterleben muss.
Kurz: Er könnte sich alle seine Träume erfüllen, hat aber kein Selbstvertrauen.

Es ist schade, das geradezu bildhaft vor Augen zu sehen, während man das Buch liest, doch wie gesagt, letztlich schafft er es, sich mit einer Kollegin eine schöne und gesetzte Ehe aufzubauen und auf seine eigene Weise Frieden mit dem Begebenheiten seines Lebens zu finden. Es ist ein somit realistisches Happy-End, so, wie es auch im Leben vorkommt.

Dennoch würde ich mir – ganz besonders auch für das echte Leben – viel mehr viel schönere Happy-Ends wünschen. Sie stecken alle in uns, nur wir selbst entscheiden, ob wir sie auch rauslassen. :-)