Kein einfaches Leben

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dubh Avatar

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Etwas überrascht war ich, dass die Leseprobe erst bei Seite 115 beginnt, aber offensichtlich ist das der Erzählsprung, der von Ruthie, der Tochter von Hattie und Lawrence, erzählt, vor der noch andere (Halb-)Geschwister existieren. Ihre Mutter hat viele Kinder und kein einfaches Leben, denn ihr Mann August scheint sich nicht allzu sehr um seine Familie zu kümmern. Sicher, er gibt Hattie Geld und sie haben ein Heim, aber um die Erziehung und das Zuhause muss sich Hattie alleine kümmern, während August lieber den Großteil des Geldes in Bars durchbringt und mit fremden Frauen flirtet. Auch wenn sich August keiner Schuld bewusst ist, weil er seine Affären ja nie mit ins eigene Haus bringt, scheint Hattie irgendwann die Nase voll davon zu haben und brennt mit Lawrence, mit dem sie das Baby Ruth, genannt Ruthie, hat, durch. Als die drei von Philadelphia Richtung Baltimore aufbrechen, plagen Hattie schon Gewissensbisse wegen ihrer anderen Kinder. Doch wie hätte sie es anstellen können, mit allen zu verschwinden? Das Baby ist am allermeisten auf sie angewiesen und für mich ist schon irgendwie klar, dass Hattie die zurückgebliebenen Kinder nachholen möchte. Doch bei einem bin ich mir nicht sicher: ob das mit Lawrence eine gute Idee ist! Sicher, er scheint sie und Ruthie zu lieben und er möchte sich auch um die anderen Kinder kümmern, sie nachholen und ihnen allen ein gutes Zuhause in Baltimore, der Stadt aus der er stammt, mieten. Aber Hattie hat schon recht, dass sie ihm sagt, dass sie keinesfalls wieder die Verliererin sein möchte, denn auch Lawrence führt ein unstetes Leben. Er verdient seinen Unterhalt mit Wetten und Spielen - sicherlich keine gute Grundlage für die Ernährung einer vielköpfigen Familie. Auch wenn Lawrence Hatties Sorgen beschwichtigt, plant er insgeheim, das Geld für ein Miethaus doch auf diesem Wege zu beschaffen und ich habe jetzt schon Angst, ob das gut geht.
Hattie wirkt auf mich wie eine starke, mutige Frau, die viel Hoffnung in einen Neuanfang setzt, bei der Umsetzung allerdings doch von der ein oder anderen Angst gepackt wird. Ich hoffe sehr für sie, dass sich ihre Wünsche in Baltimore erfüllen können…
Sehr gefallen hat mir bei dieser Leseprobe die Sprache von Ayana Mathis, mit der sie die Atmosphäre im 44.er Buick und in der Wayne Street in Philadelphia einfängt: man kann die Gefühle der Kinder, die schließlich hungrig ins Bett gehen und die Sorgen, die in Hattie hochkommen, sehr gut nachempfinden. Deshalb bin ich super gespannt auf diese Familiengeschichte, die zu einer wirklich schwierigen Zeit für Afroamerikaner spielt und dennoch voller Hoffnung steckt. Nachdem ich zudem einen Artikel der Autorin gelesen habe, würde mich interessieren, ob es Parallelen zwischen den Figuren des Romans und der Geschichte ihrer eigenen Familie gibt… Immerhin stammt Ayana Mathis ebenfalls aus Germantown, einem Viertel Philadelphias und hatte ebenfalls keine einfache Kindheit.