Entscheidende Momente einer Familie

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"Sie wahren Gefährten, die Mutter und die Kinder, und trieben, gleichermaßen verletzlich und sehnsuchtsvoll, durch die Tage."
In ihrem Roman "Zwölf Leben" erzählt Ayana Mathis nuancenreich und vielseitig einzelne bedeutsame Geschichten aus dem Leben von Hattie, einer schwarzen US-Amerikanerin, und ihrer Familie. Die Struktur des Romans ist außergewöhnlich: jedes einzelne Kapitel beleuchtet einen wesentlichen Augenblick aus dem Leben eines ihrer Kinder oder ihrer Enkelin. Ihre Kinder Philadelphia und Jubilee, Floyd, Six, Ella, Alice, Billups, Franklin, Bell, Cassie, Ruthie und ihre Enkelin Sala haben jede/r für sich genommen ihre Besonderheiten und Probleme, die auf sehr ergreifende Weise vermittelt werden. Jedes Kapitel ist in sich abgeschlossen, aber Puzzlestück für Puzzlestück, Jahr um Jahr, aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt erfahren wir als Leser mehr und mehr über Hattie, ihre Biografie, ihren Charakter und ihre Entwicklung sowie über das Familiengefüge. Aber - angesiedelt zwischen den Jahren 1925 und 1980 - thematisiert der Roman auch die sozialen Probleme der schwarzen US-amerikanischen Bevölkerung zur Zeit und nach der Great Migration. Stets schwingt so vieles zwischen den Zeilen mit: Liebe und Verletzung, Intimität und Gleichgültigkeit, Hoffnung und Trauer, körperliches und seelisches Leiden und ein familiärer Zusammenhalt, der meist brüchig und emotionsarm ist und doch in gewissen Momenten Stabilität und eine kleine Portion Wärme verspricht: "Vielleicht haben wir nur eine begrenzte Menge von Liebe zu vergeben. Wir kommen mit einer festen Portion Liebe auf die Welt, und wenn wir lieben und nicht wiedergeliebt werden, erschöpft sich die Liebe."
Ein kleiner Kritikpunkt betrifft die Gestaltung des Anhangs: der Familienstammbaum ist zwar eine kleine Hilfe, um den "roten Faden" der Geschichte zu behalten. Es wäre jedoch anschaulicher und dem Verständnis dienlich, die Geburtsjahre der Protagonisten oder zumindest das ungefähre Alter der Protagonisten zum Zeitpunkt der Geschichte in den Stammbaum zu integrieren.
Ayana Mathis erzählt von zwölf Leben - und jedes einzelne Kapitel überzeugt in dieser kurzen Momentaufnahme eines Lebens durch Authentizität, Lebensnähe und Individualität. Sprachlich und strukturell außergewöhnlich präsentiert bietet es zusammen mit den differenzierten Inhalten ein unvergessliches, bewegendes und tiefgreifendes Leseerlebnis - eine klare Leseempfehlung von mir!