Mühsam und flach

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wolfram Avatar

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Hannah ist eine von Anfang bis Ende Unsympathische Protagonistin. Sie trifft eine unsinnige Entscheidung nach der anderen, säuft und quarzt bei jeder Gelegenheit, als gäbe es kein Morgen.

Eigentlich sollte sie ein Buch schreiben, ihr Lektor hat sie dafür ins warme Süditalien in eine Luxusvilla verfrachtet, doch sie prokrastiniert, gibt sich ihrem Alkoholproblem hin, verläuft sich gewaltig und stolpert so in einen Mordfall hinein.

Hannah ist unfreundlich zu allen Menschen in ihrer Umgebung, mies gelaunt und unzufrieden.

Was hat sie nur an sich, dass ihre isländische Geliebte für sie Mann und Kinder verlassen möchte? Den ersten Band kenne ich nicht, auf den sich große Teile im Buch beziehen.Daher fällt es umso schwerer, die Geduld der Personen zu verstehen, die  eine so kaputte, miesepetrige und rücksichtslos egoistische Frau wie Hannah umgeben.
Und genauso wenig glaubhaft sind ihre Ermittlungsversuche. Hotelboss treffen (erfolgreich, mit einer dilettantischen Anmach-Masche bei einem Mann, der auf sehr junge, unverbrauchte Frauen steht), Mafia(?)Verfolger zu einem Treffen in der Öffentlichkeit bringen mit einer SMS,  obwohl er sie spielend leicht bedroht und einschüchtert.
Und abwechselnd erzählt sie der Polizei zu wenig (ganz der coole, harte Knochen) oder gleich alles, als könnte die Autorin sich bei Hannahs Charakter nicht entscheiden: Ist sie eine normale Person und nur durch ihre Bücher eine Ermittlerin? Oder eine geborene Polizistin, die ihr Talent notgedrungen im Krimischreiben auslebt, und jetzt Vollgas gibt, wo es endlich mal im echten Leben passiert. Was unlogisch wäre, hat sie ihren ersten Krimi ja nur aus Trotz in einem Monat geschrieben, hasst ihn abgrundtief und würde lieber komplizierte Liebesschnulzen schreiben.

In TikTok-kurzen Kapiteln und einfacher Sprache kommt der Leser recht schnell durch das Buch. Viele Charaktere, Namen oder mehrere parallele Handlungsstränge gibt es nicht, die einem viel Mitdenken abverlangen. Genau genommen gibt es nur einen einzigen Handlungsstrang ohne Rückblenden, Paralelgeschichten oder zeitliche Sprünge.

Und dann hüpft auch noch die junge, attraktive italienische Polizistin mit ihr ins Bett? Ohne erkennbaren Grund, denn zuvor war Hannah ja nur nervig, unfreundlich - und vor allen Dingen erst einmal die Mordverdächtige! Abgesehen davon, dass Carlotta ohnehin schon Kopf und Kragen riskierte, als sie Hannah bei ihren stümperhaften, halbherzigen Ermittlungsversuchen half und alle Dienstgeheimnisse ausplauderte, ist eine intime Beziehung mit einer Verdächtigen, die ja nur für ein paar Wochen im Lande ist, keine sehr glaubhafte Handlung. Zumal sie gegen das Vorurteil ankämpft, als Ermittlerin ungeeignet zu sein (sieht zu jung aus, ist "nur" Streifenpolizistin) - und ihr Leben lang daran arbeitet, endlich als echte Ermittlerin arbeiten zu dürfen.

Ansonsten lässt Hannah keine Gelegenheit aus, alle und jeden vor den Kopf zu stoßen, sich wie ein Trampel zu benehmen. Dazu kommen noch einige flapsige Übersetzungsfehler, die die 360 Seiten wirklich anstrengend machen. 

Völlig belanglos plätschert das Buch zu Ende. Wo nötig, taucht plötzlich ein rettender Schraubenzieher auf, gefunden durch eine sehr konstruierte kleine Kampfszene. Eine Schusswunde hält Hannah nicht von nicht der langen Verfolgungsjagd ab, sie hat trotz Verletzung Zeit, sich Gedanken zu machen, wie peinlich es doch ist, hinten auf einer Vespa mitzufahren, während sie Hilfe holen.

Auf den letzten Seiten werden in fast kindlichem Eifer und ebenso einfacher Sprache alle Fäden zusammengeknüpft und flapsig Erklärungen abgegeben.

...Hat die Autorin diesen Krimi eventuell aus Trotz in vier Wochen geschrieben - inklusive der schnulzigen, komplizierten Liebesgeschichte gleich mit im Buch? :-)