Zauberhafter Prager Apotheken-Charme trifft auf die ewig gleichen Schablonen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
roswitha-böhm-gedankenteiler Avatar

Von

Das Buch beginnt mit einer wunderbar atmosphärischen Kulisse, die mich optisch und stimmungsmäßig sofort angesprochen hat: Ein geheimes magisches Viertel im barocken Prag des 18. Jahrhunderts, versteckt hinter der Statue des Heiligen Johannes Nepomuk auf der Karlsbrücke, bevölkert von schrulligen Hexen, zeitansagenden Eulen und einem klapprigen Vampir im Antiquitätengeschäft. Die dreistöckige, mintgrüne Apotheke mit ihrem künstlichen Mond an einer Deckenkette, den handbemalten Wildblumen an den Wänden und einem verwunschenen, lebendigen Pflanzengarten im Hinterhaus versprüht puren, märchenhaften Gemütlichkeitszauber. Auch die Idee rund um die Rezepturen – Tinte aus Feuervogelfedern für Poeten oder Halspastillen aus Eibischwurzel, Feentränen und eingefangenem Nachtigallengesang – sprüht vor liebevollen Details.

Doch sobald es um den eigentlichen Handlungskern und die zwischenmenschliche Dynamik geht, schlittert die Geschichte schnurstracks in altbekannte, extrem vorhersehbare Romantasy-Gefilde. Thea hat vor sieben Jahren ihr Herz, ihre Erinnerungen und sogar ihren wahren Namen an den düsteren Lord Jasper Stiltskin verpfändet, muss nun für ihn als magische Schicksalsweberin Schicksalsfäden neu knüpfen und von verzweifelten Bittstellern Zeit, Träume oder Erinnerungen als Zoll eintreiben. Dass die Rumpelstilzchen-Prämisse („Errate deinen wahren Namen, dann bist du frei“) bemüht wird, wäre an sich charmant, aber die Figurenzeichnung ist mir einfach viel zu zuckrig und klischeebeladen geraten.

Da taucht prompt ein gut betuchter, eleganter Schönling namens Malek mit unwiderstehlichem Lächeln und Wangengrübchen auf, dem sie sofort verfällt, woraufhin die Freundinnen im benachbarten Buchladen bei heißer Schokolade und dickem Apfelkuchen stundenlang über besagtes Grübchen gackern. Und als abends Lord Stiltskin persönlich im Hinterzimmer aufkreuzt, bedient er jedes erdenkliche Bild des distanzierten, herrischen Bad Boys: riesengroß, unverschämt attraktiv, saphirblaue Augen, dunkle Schatten um die Schultern, während zwischen beiden das obligatorische Funkeln und der zuckende Kiefermuskel für Reibung sorgen müssen. Es liest sich zwar flüssig und zügig weg, aber für meinen Geschmack verpufft das historische Prager Flair viel zu schnell hinter dieser formelhaften Romanzen-Dramaturgie, weshalb ich dieses Buch nicht weiterlesen möchte.