Eine Heldenreise für das gute Zusammenleben

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besueandamy Avatar

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Mit Alexander wagt sich Ferdinand von Schirach, sonst vor allem für seine Werke für Erwachsene bekannt, erfolgreich an ein Kinderbuch – und bleibt dabei seinem Kernthema treu: der Frage nach Gerechtigkeit. In einer an die Antike angelehnten Welt erzählt er vom jungen Alexander, der von den Bewohnern seiner Stadt ausgesandt wird, um gerechte Gesetze zu finden und so einen weiteren Krieg zu verhindern. Sieben Tage hat er Zeit, und auf seiner Reise begegnet er unterschiedlichen Menschen, die ihm – oft in Gesprächen – Grundfragen von Demokratie, Ethik, Psychologie und Philosophie näherbringen.

Die Geschichte ist klar als klassische Heldenreise angelegt und erinnert in Aufbau und Figurenzeichnung an altgriechische Dramen und Sagen: prototypische, eigenwillige Charaktere, eine klare Aufgabe, ein junger Held, der durch Fragen wächst. Alexander wirkt klug, ohne sich selbst dafür zu halten. Gerade in den Dialogen entstehen überraschende, manchmal witzige, oft sehr grundlegende Erkenntnisse, die den Ernst der Situation nie aus den Augen verlieren.

Von Schirachs Sprache ist bewusst einfach gehalten, fast entlarvend klar. Dadurch werden komplexe ethische Fragen sehr greifbar, mitunter aber auch etwas plakativ vermittelt. An manchen Stellen bricht diese Einfachheit auf: abstraktere Exkurse und längere philosophische Dialoge stechen heraus und verlangsamen den Erzählfluss. Der Rhythmus wechselt zwischen spannender Handlung und kontemplativen Gesprächspassagen – nicht immer harmonisch, eher wie ein bewusstes Innehalten, das Geduld verlangt.

Für Erwachsene sind viele Motive vertraut (Diogenes, moralische Dilemmata, bekannte Denkfiguren), für jüngere Leser:innen hingegen eröffnen sich spannende erste Berührungen mit großen Fragen. Die Altersempfehlung ab etwa 10 Jahren erscheint passend: Jüngere Kinder dürften von den vielen Dialogen und abstrakten Themen überfordert sein, ältere Kinder mit Leseerfahrung werden jedoch reich belohnt.

Die schlichten, ausdrucksstarken Zeichnungen und das ruhige Cover – das an Der kleine Prinz erinnert – unterstreichen den nachdenklichen Ton des Buches. Alexander eignet sich besonders gut zum gemeinsamen Lesen, zu Hause oder in der Schule, um über Demokratie, Gerechtigkeit und friedliches Zusammenleben ins Gespräch zu kommen.

Fazit:
Alexander ist ein kluges, anspruchsvolles Kinderbuch, das jungen Leser:innen grundlegende Fragen von Demokratie und Ethik zugänglich macht, ohne belehrend zu sein. In seiner Wirkung erinnert es ein wenig an eine erste, erzählerische Annäherung an philosophisches Denken – fast wie eine kindgerechte Vorstufe zu Sofies Welt. Ein Buch, das herausfordert, nachhallt und genau deshalb in viele Hände gehört.