Gegen die tickende Uhr

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
hexenbücherei Avatar

Von

Schon der erste Satz der Leseprobe hat mich eiskalt erwischt, denn dass Martha am Morgen aufwacht und denkt, ihre Schwester Juna habe ihre Krankheit verdient, wirft einen sofort mitten in ein unheimlich explosives Familiengefüge. Der Einstieg ist dadurch extrem temporeich und atmosphärisch, weil Cora Wucherer gar nicht erst versucht, eine heile Welt vorzugaukeln, sondern die harte, ungeschönte Realität der beiden Schwestern zeigt. Besonders faszinierend finde ich den Wechsel der beiden Perspektiven, der dem Spannungsaufbau wahnsinnig gutgetan hat, da man zuerst Marthas rebellische, fast schon verzweifelte Aktion miterlebt, wie sie sich mit Junas Ausweis im Kino bei Sam reinschmuggelt, um ein Stück eigene Identität zu ergattern, nur um direkt im nächsten Kapitel Junas Sicht der Dinge zu erfahren. Juna ist als Charakter unglaublich interessant, wie sie sich beim Aktzeichnen in ihre Kunst flüchtet, um der tickenden Uhr zu entkommen, denn die Diagnose und die Gewissheit, in einem halben Jahr vielleicht nur noch zehn Prozent Sehkraft zu haben, wiegt unfassbar schwer. Der Schreibstil hat mir dabei sehr gut gefallen, er ist flüssig, nahbar und unaufgeregt. Ich erwarte von dem restlichen Roman eine tiefgründige, psychologisch feinfühlige Geschichte über Verlust, den Drang nach Selbstbestimmung und die Frage, wie zwei Schwestern sich wieder annähern können, wenn das Licht buchstäblich schwindet, und genau deshalb möchte ich dieses Buch unbedingt ganz lesen, um zu sehen, ob Juna ihren Wettlauf gegen die Zeit gewinnt.