Authentisch

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missmarie Avatar

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"Es gibt nicht nur hell und dunkel, sondern ganz viel dazwischen. [...] Da ist etwas zwischen Schatten und Licht. Vielleicht liegt genau darin die Schönheit."

Ein alleinerziehender Vater. Eine Tochter, die Kunst studieren möchte, aber bald erblindet. Eine kleine Schwester, die immer funktioniert und mitläuft. Eine tote Mutter. Was man gelinde formuliert als schwierige Familienverhältnisse beschreiben kann, ist für Martha Realität. Ihre große Schwester Juna leidet unter dem seltenen Usher-Syndrom, bei dem Hör- und Sehsinn zunehmend eingeschränkt werden. Für Juna ist das besonders schlimm, denn Kunst ist ihr Leben - das Einzige, in dem sie wirklich gut ist. Martha hingegen trägt schwer daran, dass ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben ist. Ihren Geburtstag möchte sie nicht mehr feiern, denn es gibt keinen anderen Tag im Jahr, an dem ihr Vater trauriger ist. Doch jetzt ist Sommer und beide Schwestern möchten ihr Leben in die Hand nehmen. Für Martha bedeutet das, Geld verdienen und heimlich im Kino arbeiten, wo sie auf Sam und Sophie trifft. Für Juna wiederum heißt das, all das erledigen, was man blind nicht mehr tun kann. Allen voran, die Werke von Lotte Laserstein im original sehen. Doch die hängen in Schweden und für eine Reise ins Ausland fehlt das Geld...

Mit "All die Farben, all das Licht" hat Cora Wucherer einen Schwesternroman geschrieben, der diesen Titel wirklich verdient hat. In dem Roman geht es nämlich vor allem um die Beziehung(en), die wir in der Familie pflegen. Eindrücklich zeigt die Autorin, dass gerade Schwestern sich in Bezug auf die andere durchaus ambivalente fühlen können. Martha ist wahnsinnig sauer auf Juna, sagt, sie habe die Krankheit verdient und gleichzeitig versucht sie, ihrer Schwester zu helfen. Ganz authentisch wird hier das Bild einer Dreizehnjährigen gezeichnet, die zwischen kindlichen Impulsen und erwachsenem Verständnis hin- und herpendelt. Auch Juna wird durchaus komplex gezeichnet. Für sie halten sich Sinnlosigkeit im Angesicht des Erblinden und das Verdrängen der Krankheit die Waage.

Abwechselnd wird aus der Perspektive der Schwestern erzählt. So erhält der Leser nicht nur Eindrücke in die jeweilige Gefühlswelt, sondern sieht auch die beiden Schwestern in derselben Situation ganz unterschiedliche. Deren Entwicklungen lassen sich so gut nachvollziehen und "All die Farben, all das Licht" wird zu einem gelungenen Coming-of-Age-Roman. Glücklicherweise verzichtet Wucherer auf den Kitsch, den man in anderen Geschichten dieses Genres oft liest. Die Realität ist komplexer und genau diesen Aspekt fängt die Autorin ein. Womöglich kommt ihr hier die journalistische Ausbildung zugute,

Ganz ohne Rührseeligkeiten und Dramatisierungen, dafür einfach "echt" schreibt Wucherer über Familie, Kunst und Behinderung. Kleine Aspekte, Gedanken und Erwähnungen sorgen statt großer Effekte für eine emotionale Dichte. Es sind die kleinen Symbole und Gesten, die der Leser zwischen den Seiten wiederfindet, die die Atmosphäre des Buches ausmachen. Der Leser darf und soll diese Informationen verknüpfen, um Beziehungsmuster zu verstehen. Eine weitere Bedeutungslinie webt die Autorin mit den vielen Verweisen auf die real existierende Künstlerin Laserstein ein. Es lohnt sich, die Bilder beim Lesen anzuschauen.