Berührender Entwicklungsroman zweier Schwestern

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Georg traute sich längst nicht mehr, seine Tochter Juna an ihre Kontrolltermine bei der Augenärztin zu erinnern. Durch das seltene Usher-Syndrom war seine älteste Tochter seit frühester Kindheit schwerhörig – und nun wird sie auch noch mit der rapiden Verschlechterung ihrer Sehfähigkeit konfrontiert. Das Zauberwort in ihrer Situation wäre Mobilitätstraining, aber die 17-Jährige wehrt sich vehement dagegen, ihre drohende Erblindung zu akzeptieren. Ebenfalls seit früher Kindheit ist Junas künstlerisches Talent bekannt; sie sollte aktuell eigentlich ihre Mappe für die Bewerbung an einer Kunsthochschule erstellen. Wie muss einfach schneller leben, schneller studieren, um ihren Traum zu verwirklichen. Doch zunächst gibt sich Juna nach außen angepasst, verbirgt ihre Sorgen, aber auch den Neid auf Martha, der aus ihrer Sicht alle Möglichkeiten offen stehen. Die13-jährige jüngere Schwester Martha sieht sich in der undankbaren Rolle des nicht behinderten, nicht gesehenen Geschwisterkindes. Als wäre das nicht herausfordernd genug, hat Vater Georg bisher vermieden, mit seinen Töchtern über den Tod ihrer Mutter zu sprechen, ganz zu schweigen davon, am entgegengesetzten Ende der Republik ihr Grab zu besuchen. Mit einem allein erziehenden Vater, der in Schichten als Krankenpfleger arbeitet, und zwei entwurzelten Jugendlichen gemeinsam in einem winzigen Kinderzimmer lässt sich die brisante Stimmung in der kleinen Familie erahnen.

Empört, weil sie sich übersehen fühlt, hat Martha längst ihre eigene Agenda angelegt. Sie fackelt nicht lange, als Juna andeutet, dass sie mit ihrem Sehrest unbedingt ein Originalwerk der von ihr verehrten Malerin Lotte Laserstein sehen möchte. Als die Dinge eskalieren (beide Töchter sind ja noch nicht volljährig), erkennen die Schwestern das Netz aus Hilfsbereitschaft und Mentoren um sie herum, dessen sie sich bisher nicht bewusst waren. Martha ist in die Welt des Films getaucht und hat eine neue Freundin gefunden. Juna kann auf Freundinnen zählen und springt über ihren Schatten, als sie endlich Kontakt zur Kunsthochschule sucht.

Fazit
Erzählt wird das Abenteuer der gegensätzlichen Schwestern im Wechsel aus deren Ichperspektiven, ergänzt durch Georgs Sicht, mit der er sich an seine verstorbene Frau richtet. Neben der gelungenen Darstellung einer Jugendlichen, die ihre Behinderung annehmen muss, hat mich „All die Farben, all das Licht“ besonders durch die differenzierte Darstellung der jugendlichen Figuren begeistert. Das Verhältnis der Schwestern, die Beziehung zu Marthas Kollegen „im Job“, Junas platonischer Freund Constantin, von dem sie ein Jahr und Welten trennen, Sophie, die einfach auftaucht und nicht vorhat, sich anzupassen, – und nicht zuletzt der Junge aus dem Park, der Juna in die Realität zurückholt, sie alle finde ich absolut glaubwürdig. Ein sprachlich ansprechendes Debüt mit beindruckenden jugendlichen Figuren.