Das Leben besteht nicht nur aus Licht und Schatten

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mrs.beee Avatar

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„All die Farben, all das Licht“ von Cora Wucherer erzählt die Geschichte der ungleichen Schwestern Juna und Martha, die ohne ihre Mutter aufwachsen, da sie bei Marthas Geburt verstorben ist. Das Leben der Familie ist von Anfang an von diesem Verlust geprägt. Der Roman behandelt Themen wie Verlust, Erwachsenwerden, Kunst und Identität und wird abwechselnd aus der Sicht beider Schwestern erzählt.

Besonders der Anfang hat mir sehr gut gefallen. Junas Leidenschaft für die Kunst und die Parallelen zur Malerin Lotte Laserstein fand ich besonders gelungen. Während Lotte Lasersteins Karriere durch die Machtergreifung der Nazis abrupt beendet wurde, steht auch Juna vor einem einschneidenden Verlust, denn aufgrund einer Krankheit wird sie bald ihr Augenlicht verlieren. Junas Wut und Verzweiflung konnte ich gut nachvollziehen. Der Satz "Wie ungerecht, dass einem alles genommen wird" (S. 135) bringt ihre Verweiflung gut auf den Punkt.

Juna empfand ich insgesamt authentisch, auch wenn sie nicht unbedingt sympathisch ist. Ihre jüngere Schwester behandelt sie oft verletzend und sie denkt häufig nur an sich selbst. Auch ihren Freundinnen gegenüber zeigt sie wenig Verständnis für deren Probleme, was ihr schließlich auch vorgehalten wird. Gerade diese Selbstbezogenheit macht Juns als Figur zwar glaubwürdig, aber nicht unbedingt liebenswert.

Martha hingegen fand ich nicht ganz authentisch. Ihre Sprache, ihre Gedanken und ihr Verhalten zum Beispiel gegenüber Sophie wirkten auf mich häufig deutlich älter als 13 Jahre und deshalb nicht immer glaubwürdig.

Leider konnte mich das letzte Drittel nicht mehr so überzeugen. Vor allem der Roadtrip nach Malmö war mir zu konstruiert. Die Idee fand ich spannend, aber die Umsetzung wirkte auf mich nicht ganz rund, zum Beispiel dass Juna plötzlich mit einem Fremden mitgeht ohne sich Gedanken um ihre jüngere Schwester zu machen. Ebenso konnte ich nicht nachvollziehen, dass Martha trotz des Verschwindens ihrer Schwester ruhig schlafen kann. Auch das schnelle Auftauchen des Vaters und die unmittelbare Rückfahrt nach München wirkten etwas konstruiert. Hier hätte ich mir mehr Entwicklung der Figuren, vor allem hinsichtlich der Geschwisterdynamik gewünscht.

Gut gefallen hat mir dagegen Junas Entwicklung am Ende. Ihre Erkenntnis, dass das Leben nicht nur aus Licht oder Schatten besteht, sondern dass gerade die Zwischentöne wichtig sind, ist eine schöne Botschaft. Auch ihre Erkenntnis, dass Kunst nicht nur im Hinzufügen, sondern auch im Weglassen besteht, lässt sich auf ihre persönliche Entwicklung übertragen, und zwar sich von Erwartungen anderer zu lösen und dadurch mehr zu sich selbst finden.

Insgesamt ein Roman mit vielen starken Themen und interessanten Gedanken. Für mich wurden jedoch zu viele Aspekte nur angerissen. Dadurch konnte mich der zweite Teil der Geschichte nicht mehr so fesseln wie der starke Beginn. Trotzdem ist es ein lesenwerter Roman über Verlust und der Suche nach der eigenen Identität.