Ein Roadtrip gegen das Vergessen
„Ich will den Sommer in ein Marmeladenglas packen und all die Wärme und das Licht herausholen können, wenn es Herbst wird [...] Meinen letzten Sommer, in dem es hell ist.“ (S. 91–92)
Mit diesen Zeilen fängt Cora Wucherer die bittersüße Grundstimmung ihres Debütromans „All die Farben, all das Licht“ ein, der am 11.07.2026 im Klett-Cotta Verlag erschienen ist. Auf 320 Seiten entfaltet die Autorin eine feinfühlige, unaufgeregte Coming-of-Age-Geschichte über die siebzehnjährige Juna und ihre dreizehnjährige Schwester Martha. Im Kern geht es um den Umgang mit einer existenziellen, unheilbaren Diagnose, um die Sichtbarkeit innerhalb einer Familie und um einen heimlichen Roadtrip nach Schweden, der für beide Mädchen zur emotionalen Zerreißprobe wird.
Meine Meinung
Was mich an diesem Roman definitiv fasziniert und berührt hat, war die thematische Auseinandersetzung mit dem Usher-Syndrom; einer Erkrankung, von der ich vor dem Lesen noch nie gehört hatte. Juna weiß, dass sie in wenigen Monaten erblinden wird, und die Autorin beschreibt diese schleichende Verengung der Welt mit einer unheimlichen Intensität: „Alles in meinem Leben ist eine Abwägung: Je gefährlicher etwas ist, desto eher sollte ich darauf verzichten. Aber je mehr ich verzichte, desto gefangener bin ich.“ (S. 212). Dass Juna ausgerechnet Malerin werden will und Halt in den Werken der realen Künstlerin Lotte Laserstein sucht, verleiht der Geschichte eine wunderschöne, melancholische Metaebene über die Vergänglichkeit und den Wert von Kunst. Auch diese historische Facette war für mich völlig neu und ungemein spannend zu entdecken.
Ein weiterer großer Pluspunkt ist die ungeschönte Dynamik der beiden Schwestern. Zu Beginn herrscht fast eisiges Schweigen zwischen den Betten in ihrem engen Münchner Zimmer. Martha leidet spürbar unter der permanenten Unsichtbarkeit, da sich verständlicherweise alle elterlichen oder besser gesagt väterlichen Sorgen um die kranke Schwester drehen. Juna wiederum kämpft mit ihrer Identität: „Weil ich blind bin. [...] Sie fühlen sich falsch an in meinem Mund, als würde ich lügen. [...] Nicht mehr: Ich bin Juna. Nicht mehr: Ich bin Künstlerin. Nur noch: Ich bin blind.“ (S. 117). Wie diese beiden Mädchen durch den Roadtrip auf engstem Raum schrittweise ihre Schutzmauern einreißen, ist großartig und mit psychologischem Feingefühl konstruiert.
Ein kleiner Wermutstropfen war für mich jedoch die Gestaltung der Dialoge. An der einen oder anderen Stelle wirkten die Gespräche zwischen den Jugendlichen auf mich einfach nicht ganz stimmig; manchmal einen Tick zu konstruiert oder altersuntypisch abgeklärt, was mich kurzzeitig aus dem ansonsten so einnehmenden Lesefluss gerissen hat. Dadurch hat es für mich letztlich nicht ganz zum absoluten Jahreshighlight gereicht.
Nichtsdestotrotz ist Cora Wucherer ein wunderbares Debüt gelungen. Die Geschichte ist trotz der schweren Thematik voller Licht, Mut und Hoffnung. Sie blickt tief in die Abgründe familiärer Schuld(-gefühle) und zeigt gleichzeitig die heilende Kraft von Geschwisterliebe.
Fazit
„All die Farben, all das Licht“ ist ein berührender und wichtiger Roman über den unstillbaren Lebenshunger im Angesicht eines schmerzhaften Verlusts. Wer literarische Coming-of-Age-Geschichten mit Tiefgang, einer Prise Roadtrip-Mentalität und einer starken feministischen Note durch die Kunstgeschichte sucht, wird dieses Buch lieben. Wer ein rasant geschriebenes Abenteuer erwartet, sollte sich auf leisere, psychologische Töne einstellen. Eine große Empfehlung, die definitiv die Herzen vieler Leser:innen erreichen wird!
Mit diesen Zeilen fängt Cora Wucherer die bittersüße Grundstimmung ihres Debütromans „All die Farben, all das Licht“ ein, der am 11.07.2026 im Klett-Cotta Verlag erschienen ist. Auf 320 Seiten entfaltet die Autorin eine feinfühlige, unaufgeregte Coming-of-Age-Geschichte über die siebzehnjährige Juna und ihre dreizehnjährige Schwester Martha. Im Kern geht es um den Umgang mit einer existenziellen, unheilbaren Diagnose, um die Sichtbarkeit innerhalb einer Familie und um einen heimlichen Roadtrip nach Schweden, der für beide Mädchen zur emotionalen Zerreißprobe wird.
Meine Meinung
Was mich an diesem Roman definitiv fasziniert und berührt hat, war die thematische Auseinandersetzung mit dem Usher-Syndrom; einer Erkrankung, von der ich vor dem Lesen noch nie gehört hatte. Juna weiß, dass sie in wenigen Monaten erblinden wird, und die Autorin beschreibt diese schleichende Verengung der Welt mit einer unheimlichen Intensität: „Alles in meinem Leben ist eine Abwägung: Je gefährlicher etwas ist, desto eher sollte ich darauf verzichten. Aber je mehr ich verzichte, desto gefangener bin ich.“ (S. 212). Dass Juna ausgerechnet Malerin werden will und Halt in den Werken der realen Künstlerin Lotte Laserstein sucht, verleiht der Geschichte eine wunderschöne, melancholische Metaebene über die Vergänglichkeit und den Wert von Kunst. Auch diese historische Facette war für mich völlig neu und ungemein spannend zu entdecken.
Ein weiterer großer Pluspunkt ist die ungeschönte Dynamik der beiden Schwestern. Zu Beginn herrscht fast eisiges Schweigen zwischen den Betten in ihrem engen Münchner Zimmer. Martha leidet spürbar unter der permanenten Unsichtbarkeit, da sich verständlicherweise alle elterlichen oder besser gesagt väterlichen Sorgen um die kranke Schwester drehen. Juna wiederum kämpft mit ihrer Identität: „Weil ich blind bin. [...] Sie fühlen sich falsch an in meinem Mund, als würde ich lügen. [...] Nicht mehr: Ich bin Juna. Nicht mehr: Ich bin Künstlerin. Nur noch: Ich bin blind.“ (S. 117). Wie diese beiden Mädchen durch den Roadtrip auf engstem Raum schrittweise ihre Schutzmauern einreißen, ist großartig und mit psychologischem Feingefühl konstruiert.
Ein kleiner Wermutstropfen war für mich jedoch die Gestaltung der Dialoge. An der einen oder anderen Stelle wirkten die Gespräche zwischen den Jugendlichen auf mich einfach nicht ganz stimmig; manchmal einen Tick zu konstruiert oder altersuntypisch abgeklärt, was mich kurzzeitig aus dem ansonsten so einnehmenden Lesefluss gerissen hat. Dadurch hat es für mich letztlich nicht ganz zum absoluten Jahreshighlight gereicht.
Nichtsdestotrotz ist Cora Wucherer ein wunderbares Debüt gelungen. Die Geschichte ist trotz der schweren Thematik voller Licht, Mut und Hoffnung. Sie blickt tief in die Abgründe familiärer Schuld(-gefühle) und zeigt gleichzeitig die heilende Kraft von Geschwisterliebe.
Fazit
„All die Farben, all das Licht“ ist ein berührender und wichtiger Roman über den unstillbaren Lebenshunger im Angesicht eines schmerzhaften Verlusts. Wer literarische Coming-of-Age-Geschichten mit Tiefgang, einer Prise Roadtrip-Mentalität und einer starken feministischen Note durch die Kunstgeschichte sucht, wird dieses Buch lieben. Wer ein rasant geschriebenes Abenteuer erwartet, sollte sich auf leisere, psychologische Töne einstellen. Eine große Empfehlung, die definitiv die Herzen vieler Leser:innen erreichen wird!