Einfühlsamer Coming of Age Roman

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caro la Avatar

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Cora Wucherer erzählt in ihrem Debütroman „All die Farben, all das Licht" eine berührende Coming-of-Age-Geschichte mit „22 Bahnen"-Vibes – nur dass hier die große Schwester Juna an einer seltenen, unheilbaren Krankheit leidet und schon in wenigen Monaten ihr Augenlicht verlieren wird. Die siebzehnjährige Juna ist außergewöhnlich malbegabt und träumt davon, Malerin zu werden, ganz wie ihr großes Vorbild Lotte Laserstein – ausgerechnet diese Zukunft bedroht die fortschreitende Erblindung nun massiv. Die beiden Schwestern teilen sich seit ihrer Kindheit ein Zimmer in einer engen Münchner Wohnung, könnten aber unterschiedlicher kaum sein: Ihre Mutter ist bei Marthas Geburt gestorben, der Vater zieht die beiden seither allein groß, und die Frage, wie eine Familie mit diesem Verlust lebt beziehungsweise ihn zunächst verdrängt, zieht sich als roter Faden durch den Roman.
Man konnte richtig gut mitfühlen, insbesondere mit Martha, die zurückstecken musste und mit ihren dreizehn Jahren erstaunlich erwachsen wirkt. Sie fühlt sich neben der begabten Juna oft völlig unsichtbar und kämpft darum, endlich aus deren Schatten herauszutreten. Beide Schwestern müssen lernen, mit der Krankheit umzugehen, und das wird sehr schön und einfühlsam beschrieben, ohne dass es je zu schwer oder belastend wird. Auch das einzelne Kapitel aus der Sicht des Vaters fand ich sehr gelungen, weil es noch mal vieles einordnet, die verdrängende erwachsene Perspektive auf den Verlust der Mutter zeigt und dem Ganzen zusätzliche Tiefe gibt.
Junas Verhalten im Umgang mit ihrer kleinen Schwester konnte ich nicht immer verstehen, aber letztlich befindet sie sich auch in einer absoluten Ausnahmesituation, in der man ihr diese Unsicherheiten nachsehen kann. Besonders schön fand ich, wie sich die Schwestern erst durch einen gemeinsamen, heimlich organisierten Roadtrip nach Malmö – wo Juna noch einmal ein Gemälde ihres Idols Lotte Laserstein sehen möchte – wirklich näherkommen und beginnen, einander neu zu sehen. Einzig die Übergänge zwischen den Perspektiven fand ich manchmal etwas abrupt, das hat den Lesefluss ein bisschen gestört. Außerdem war dem Buch in meiner Version ein Interview mit Cora Wucherer vorangestellt, was ich gern erst danach gelesen hätte, weil doch schon einiges verraten wurde.
Insgesamt ein einfühlsamer, kraftvoller Roman über Geschwisterliebe, Trauer und die Frage, wie man weiterlebt, wenn sich alles ändert. Nach diesem starken Debüt bin ich auf jeden Fall gespannt, was Cora Wucherer als Nächstes schreibt!