Familie

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lin8208 Avatar

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Ich habe lange überlegt, was das zentrale Thema des Buches ist, was der eigentliche Schlüsselbegriff. Obwohl im Klappentext und in den Beschreibungen einige Begriffe fallen, die definitiv passen, würde ich „Familie“ als den treffendsten bezeichnen.
Die Kapitelsichten wechseln zwischen Martha und Juna, zwei Geschwistern mit einem Altersunterschied von dreieinhalb Jahren. In Büchern liest man meist von Schwestern, die wie beste Freundinnen sind, die einander vertrauen, zusammenhalten und bei denen eine tiefe Verbundenheit direkt spürbar ist. Juna und Martha hingegen leben beinahe getrennte Leben, obwohl sie sich sogar ein Zimmer teilen. Die Autorin konnte diesen Umstand sehr gut in Szene setzen. Die Distanz zwischen den beiden, die unterschwellige Rivalität, manchmal auch die deutlich erkennbare Abneigung, aber ebenso die gut versteckte Zuneigung werden überzeugend dargestellt.
Juna ist 17 Jahre alt und hat das Usher-Syndrom, eine Krankheit, die ihr nach und nach nicht nur einen, sondern gleich zwei wichtige Sinne nimmt: das Sehen und das Hören. Nach einem Kontrolltermin rückt diese Entwicklung noch stärker in den Vordergrund. Die Distanz zwischen den Geschwistern wird dadurch nur noch deutlicher. Zugleich schafft es die Autorin, die Auswirkungen der Krankheit eindrücklich darzustellen. Ihren Kontakt zu Betroffenen merkt man hier spürbar.
Mit einem sehr angenehmen Schreibstil, dem gelegentlichen Einsatz von Dialekt und einer altersgerechten Sprache erlebt man als Leser die Entwicklung der Charaktere und eine Dynamik, die weit über die Geschwisterbeziehung hinausgeht.
Der Vater der beiden arbeitet scheinbar rund um die Uhr und verliert sich in der übrigen Zeit im Alltagsstress: Haushalt, Kinder, Verpflichtungen - keine Zeit für ein eigenes Leben, für Glück. Auf ihm lastet eine Trauer, für die er sich aufgrund tragischer Umstände nie wirklich Zeit nehmen konnte. Erst in Kapitel 20 wird er für mich zu einer greifbaren, nahbaren Figur und erscheint nicht länger nur flächig. Das Kapitel ist aus seiner Sicht geschrieben, als direkte Anrede an seine Frau, die Mutter seiner beiden Kinder, die bei Marthas Geburt ihr Leben verlor.
Die Autorin vermittelt in diesem Kapitel besonders viel Gefühl und verleiht der Geschichte eine neue Tiefe, die zuvor noch etwas verborgen lag. Spätestens ab diesem Punkt steigert sich die Handlung stetig und verläuft nicht mehr nur geradlinig - was ausdrücklich kein Makel des bisherigen Verlaufs ist.
Die Geschichte erzählt von persönlichen Kämpfen, (fehlender) Stabilität, Selbstverwirklichung, Weiterentwicklung und Familie - letzteres wohl am deutlichsten.