Farben, die bleiben

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Ich muss zugeben: Ich bin mit einer gewissen Skepsis reingegangen. „Zwei Schwestern, eine ist krank, ein Sommer verändert alles”, das klang erstmal nach der x-ten Variante eines Musters, das man in letzter Zeit ziemlich oft liest. Aber Wucherer macht daraus etwas, das sich nicht abgenutzt anfühlt.
Juna und Martha teilen sich seit ihrer Kindheit ein Zimmer in einer engen Wohnung in München-Giesing, und damit hört die Gemeinsamkeit auch fast schon auf. Juna ist die Begabte, die Ältere, die mit der seltenen erblichen Hör-Seh-Behinderung, die ihr nach und nach das Augenlicht raubt. Ihr großer Traum: Malerin werden, wie ihr Vorbild Lotte Laserstein. Martha, dreizehn, kämpft derweil damit, aus dem Schatten der Schwester rauszutreten und wird stattdessen von einer Krankheitsdiagnose zurück in eine Nähe gezwungen, die es vorher nie gab. Im Hintergrund: eine Mutter, die bei Marthas Geburt starb, ein Vater, der darüber nie wirklich hinweggekommen ist, und eine Familie, die lieber schweigt als spricht. Als Junas Zustand sich verschlechtert, organisiert Martha heimlich eine Reise nach Malmö, zu einer Ausstellung von Junas Lieblingsmalerin. Ein Ausflug, der natürlich nicht ohne Folgen bleibt, aber genau dadurch das Schweigen in der Familie endlich bricht.
Was das Buch für mich trägt, ist der Perspektivwechsel: Man ist mal in Junas Kopf, mal in Marthas, und merkt dabei, wie unterschiedlich zwei Menschen dieselbe Kindheit erlebt haben können. Keine der beiden wird zur reinen Sympathieträgerin gemacht, beide haben ihre blinden Flecken (das Wortspiel sei mir hier verziehen) und genau das macht die Beziehung glaubwürdig statt kitschig. Auch dass der Vater ein eigenes Kapitel bekommt, fand ich einen klugen Move; es hätte leicht sein können, ihn nur als abwesende Randfigur stehen zu lassen.
Thematisch verbindet Wucherer Coming-of-Age, Geschwisterkonkurrenz und Kunst zu etwas, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Nah dran an Autorinnen wie Caroline Wahl, aber mit einer eigenen, ruhigeren Note. Der Schreibstil ist unaufgeregt, fließt gut, ohne die schwierigen Themen zu glätten. Für ein Debüt ist das bemerkenswert kontrolliert.
Klare Empfehlung.