Leben mit dem Usher-Syndrom

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In drei Teilen mit gesamt 30 Kapiteln erfahren wir in dieser multiperspektivischen Erzählung viel über das oft komplizierte, dynamische Miteinander zweier charakterlich unterschiedlicher Schwestern als Ich-Erzählerinnen. Ihre Dynamik miteinander wandelt sich stark im Laufe der Schulsommerferien in München: Das Spannungsfeld aus Konkurrenz verwandelt sich in gegenseitige Unterstützung. Mit Übernahme von Verantwortung für die Schwester statt bisheriger Hassliebe wachsen beide auch mit ihren ganz persönlichen Problemen.
Die 17-jährige Juna ist von Geburt an taub und verliert den den kommenden sechs Monaten fortschreitend ihre restliche Sehstärke. Sie leidet am Usher-Syndrom. Ihren Traum, Malerin zu werden wie ihr großes Vorbild Lotte Laserstein, vermag sie bei ihrer außergewöhnlichen malerischen Begabung kaum aufzugeben. Die charakterliche Darstellung ihrer Wut und Zerrissenheit darüber wird einfühlsam beschrieben.
Ihre jüngere, gesunde Schwester Martha, 13, ein Ebenbild der lange verstorbenen und tot geschwiegenen Mutter, fühlt sich übersehen in ihrer kleinen Familie, oft unsichtbar und an den Rand gedrängt. Auf ihre Initiative hin werden z.B. belastende Themen wie Trauerbewältigung bezüglich der Mutter, Schmerz, lebensverändernde Krankheiten angesprochen.
Die anfänglichen, klar verteilten Rollen beider Schwestern verändern sich stark bis zu deren Schulbeginn: Die kleine Martha überschreitet in ihrer Direktheit mutig einige Schwellen auch in amouröser Hinsicht, während Juna, die Ältere, von der Jüngeren lernt auch hinsichtlich der Akzeptanz ihrer sinnlichen Beeinträchtigungen, diese sogar offen zu benennen auch bei tief reichenden Verlustängsten als begnadete Malerin.
Gregor, der Vater, scheint beruflich und privat überfordert zu sein. Finanziell und emotional läuft bei ihm alles auf Sparflamme hauptsächlich aus Selbstschutz, da die Trauerbewältigung um seine geliebte Frau Resie für ihn immer noch zu schmerzhaft ist. Seine Rolle bleibt eher im Hintergrund, skizziert ihn als verantwortungsbewussten, sympathischen Vater.
Die Charaktere wirken authentisch, der Schreibstil ist ansprechend und die Verarbeitung der angesprochenen Themen hat genug Tiefgang.