Überzeugender Entwicklungsroman um Krankheit, Trauer und das Miteinander

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gaia Avatar

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Ich muss zugeben, dass das Genre des Entwicklungsromans (Coming-of-Age) mich meist weder sonderlich interessiert noch in der Vergangenheit überzeugen konnte. Das vorliegende Romandebüt von Cora Wucherer hat dies jedoch beides geschafft. Ich finde die Geschichte mit dem Dreh- und Angelpunkt der chronisch-progressiven Erkrankung des Usher-Syndroms, durch welches die Betroffenen je nach genetischem Typ sowohl an Schwerhörigkeit als auch an fortschreitender Erblindung leiden, hoch interessant. Sowohl der Plot als auch die Umsetzung konnte mich dann restlos überzeugen von dieser Geschichte, die nicht nur die eine betroffene Person, die 17jährige Juna, in den Mittelpunkt rückt, sondern auch ihr soziales Gefüge, allen voran ihre drei Jahre jüngere Schwester Martha, die zeitlebens als „die Gesunde“ wenig Beachtung erfuhr. Die Familiendynamik bekommt noch einen zusätzlichen Dreh, da die Mutter der beiden bei Marthas Geburt verstarb und damit ein Schleier der Trauer über der Kleinfamilie aus zwei Töchtern und einem Vater bzw. Witwer legte.

Was man hier nicht erwarten sollte: Einen Happy-go-lucky-Roadtrip-Roman, in dem sich alle lieb haben und schön zueinander finden. Der Roman spiegelt mit einfacher, aber mitreißender Sprache die knallharte psychologische Realität wider. Auf einfachster Ebene, dass sich Geschwisterkinder einfach nicht immer gern haben sondern, gerade wenn sie auf beengtem Raum zusammenleben müssen, sich sogar ätzend finden. Krankheit hin oder her. Dann gibt es da den elterlichen Effekt, dem erkrankten Kind mit mehr Aufmerksamkeit und mitunter auch mehr Sanftmut zu begegnen, während das gesunde Kind meist nebenher funktionieren soll. Und da ist das Gewicht der Trauer, welches auf einer Familie lastet, wenn die Mutter bei der Geburt eines der Kinder verstorben ist. Nur wenig in diesem Roman hat mit dem im Klappentext angekündigten Trip nach Malmö zu tun, auf dem die leidenschaftliche Malerin Luna, der nicht nur die Sehkraft schwindet sondern auch ihre Optionen im Leben, da sie eigentlich Malerei studieren möchte und dies unerreichbar scheint, durch die Behinderung der Erblindung, ihre letzte Chance wahrnehmen möchte, ein geliebtes Gemälde der Malerin Lotte Laserstein zu sehen. Und wiederum hat natürlich alles mit diesem Gemälde zu tun und der Fähigkeit es nicht nur zu rezipieren sondern auch zukünftig neue Kunst zu schaffen.

Vielschichtig, psychologisch tiefgründig und äußerst authentisch widmet sich Cora Wucherer den Themen der frühzeitigen Behinderung, der Trauer und dem Miteinander in Familie und Freundeskreis in solch einer schwierigen Lebenssituation. Für viele Teenager und Anfang Zwanzigjährige ist die Findung des Selbst schon an und für sich schwierig genug. Was dies unter den oben genannten Voraussetzungen bedeutet, macht Wucherer sehr deutlich. Dabei stellt sie realistisch die Einschränkungen im Alltag durch eine Behinderung dar, auch wenn sie nicht medizinisch ausschweifend das Usher-Syndrom beschreibt. Das braucht sie gar nicht, denn es kommt auf die menschliche Seite an. Da die Autorin in sich abwechselnden Kapiteln sowohl Luna als auch Martha und sogar einmal kurz den Vater Georg auf der Ich-Perspektive erzählen lässt, bekommen wir einen multiperspektivischen Einblick in die Familie und ihre Themen.

Mir hat dieser Entwicklungsroman sehr gut gefallen und äußerst positiv überrascht. Sehr gern verfolge ich nun den weiteren Weg von Cora Wucherer und freue mich auf weitere Romane von ihr.

5/5 Sterne