Wenn Farbe Erinnerung wird
Cora Wucherers Für all die Farben, all das Licht ist ein Roman, der mit klarer, ehrlicher Sprache sofort Nähe schafft. Im Mittelpunkt stehen zwei Schwestern, zwischen denen Trauer, Schuld und unausgesprochene Verletzungen stehen.
Die ältere Schwester lebt mit dem Usher-Syndrom und weiß, dass sie bald erblinden wird. Zugleich ist sie eine außergewöhnlich begabte Künstlerin – so sehr, dass sie nicht nur malt, sondern beinahe selbst zu Pinsel, Farbe und Bild wird. Sie trägt die Erinnerung an die Mutter in sich, die bei der Geburt der jüngeren Schwester gestorben ist. Die Jüngere wiederum sieht der Mutter ähnlich, ist ihr in vielem nah, und genau das macht sie für die ältere Schwester schmerzhaft schwer erreichbar.
Wucherer erzählt diese Schwesternbeziehung ohne Kitsch und ohne große Gesten. Das Annähern geschieht langsam, tastend, manchmal sperrig. Gerade dadurch wirkt es so glaubwürdig. Nach und nach lernen die beiden einander neu kennen, entdecken, was sie verbindet, was sie verloren haben und was trotz allem geblieben ist. Auch die Mutter wird dabei wieder spürbar – als Ursprung, als Wunde, als Liebe.
Besonders stark ist die Sprache: klar, unprätentiös, authentisch. Kein überflüssiger Zierrat, kein aufgesetztes Gefühl. Dieser Roman zeigt, wie tief Erinnerung gehen kann, wenn man sich an die eigenen Wurzeln herantastet – und damit auch an die Liebe, die dort wartet.
Ein wunderschönes, berührendes Buch, das lange nachklingt.