Sehr wärmend

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söphken Avatar

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„All the Way to the River“ hat mich tief berührt, auf eine leise, nachhaltige Weise. Elizabeth Gilbert schreibt mit einer Offenheit, die mutig ist, weil sie nichts glättet und nichts entschuldigt. Sie erzählt von der Beziehung zu Rayya nicht als idealisierte Liebesgeschichte, sondern als ehrlichen, manchmal schmerzhaften Weg durch Nähe, Abhängigkeit, Verantwortung und Verlust. Gerade diese Unbequemlichkeit macht das Buch so stark.

Besonders berührend ist, wie Gilbert weibliche Liebe, Freundschaft und Begehren jenseits von Klischees beschreibt. Sie erlaubt sich, widersprüchlich zu sein, verletzlich, manchmal auch fehlbar. In einer patriarchalen Erzählkultur, die Frauen oft entweder moralisch überlegen oder emotional kontrolliert sehen will, ist das ein zutiefst feministischer Akt. Dieses Buch sagt nicht: So sollte Liebe sein. Es sagt: So kann Liebe sich anfühlen, und das darf erzählt werden.

Die Sprache ist feinfühlig, klar und getragen von großer Selbstreflexion. Gilbert schaut sich selbst schonungslos an, ohne sich zu verurteilen. Sie schreibt über Co-Abhängigkeit, über das Verwechseln von Rettung und Liebe, über die schwierige Frage, wo Mitgefühl endet und Selbstaufgabe beginnt. Dabei entsteht eine Nähe, die nicht voyeuristisch ist, sondern solidarisch. Als Leserin hatte ich oft das Gefühl, gesehen zu werden, auch in eigenen Erfahrungen, für die es sonst wenig Worte gibt.

Dieses Buch ist kein Trostbuch im klassischen Sinn, aber es ist ein ehrliches. Es macht Mut, die eigenen Beziehungen und Bindungen neu zu betrachten, Grenzen ernst zu nehmen und die eigene Stimme nicht zu verlieren, selbst wenn Liebe groß ist. „All the Way to the River“ ist eine leise, kraftvolle Erinnerung daran, dass Selbstbestimmung und Mitgefühl keine Gegensätze sind. Ein Buch, das bleibt, weil es nichts behauptet, sondern etwas Wahres teilt.