Ein feinfühliges Familienporträt

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larifari23 Avatar

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Die Leseprobe zeichnet ein eindrucksvolles und zugleich beunruhigend realistisches Bild einer scheinbar intakten Familie. Kira Mohn gelingt es, den Alltag von Nina, Alexander, Emilia und Ben sehr nahbar und detailliert zu schildern. Schon in den ersten Szenen spürt man den permanenten Druck, unter dem Nina steht – zwischen Fürsorge, Selbstverzicht und dem Wunsch nach einem eigenen Leben. Viele Rollen zur gleichen Zeit erfüllen müssen, das trifft genau den Nerv der Zeit vieler junger Frauen heutzutage. Besonders stark fand ich die leisen Momente, in denen deutlich wird, wie sehr sie sich innerlich von ihrem Mann entfremdet hat.

Der Schreibstil ist ruhig, präzise und psychologisch fein gearbeitet. Statt großer Dramatik entfaltet sich die Spannung durch Gedanken, Beobachtungen und kleine Verschiebungen im Machtgefüge der Familie. Auch die Perspektivwechsel zu Emilia und Ben sind überzeugend: Emilias erste große Liebe wirkt intensiv, idealisiert und zugleich leicht beunruhigend, während Bens Unsicherheit, seine Einsamkeit und sein Rückzug ins Digitale schmerzhaft authentisch beschrieben werden.

Alexander bleibt in der Leseprobe eher im Hintergrund, doch gerade das macht ihn interessant. Seine Haltung, sein Selbstverständnis und seine unausgesprochene Dominanz sind spürbar und lassen Konflikte erahnen, die noch eskalieren könnten.

Ich erwarte von der Geschichte eine psychologisch dichte Entwicklung, in der die Fassade der „perfekten Familie“ weiter bröckelt und verdrängte Bedürfnisse, Abhängigkeiten und Schuldgefühle offen zutage treten. Die Leseprobe hat mich durch ihre Genauigkeit und emotionale Ehrlichkeit überzeugt und neugierig gemacht, wie weit Kira Mohn diese Figuren noch treiben wird.