Familie als Zumutung und als Zuflucht

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eight_butterflies Avatar

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Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, in einer Familie gelandet zu sein, die mir erschreckend vertraut vorkommt. Nicht, weil ich sie genauso kenne, sondern weil mir so viele Gedanken, Spannungen und unausgesprochene Erwartungen bekannt sind. Dieses leise Unbehagen, das sich beim Lesen einstellt, hat mich sofort gepackt, weil ich gemerkt habe, dass hier nichts beschönigt wird.
Ninas Perspektive hat mich besonders beschäftigt. Dieses permanente Funktionieren, das Sich-Zurücknehmen, das scheinbar Selbstverständliche, das niemand wirklich wahrnimmt. Ich ertappte mich dabei, wie ich innerlich immer wieder dachte, dass es sich genau so anfühlt. Ihre Gedanken über ihre Kinder wirken nicht lieblos, sondern ehrlich, manchmal unbequem ehrlich. Gerade das fand ich mutig und wohltuend, weil Mutterschaft hier nicht idealisiert wird, sondern als etwas gezeigt wird, das gleichzeitig erfüllend und erschöpfend sein kann.
Die wechselnden Perspektiven haben für mich unglaublich viel Tiefgang erzeugt. Besonders berührt hat mich, wie unterschiedlich dieselben Situationen wahrgenommen werden. Während Nina glaubt, alles im Griff zu haben, spürt man bei den Kindern eine ganz andere Realität. Die Gedanken der Tochter haben mich oft richtig getroffen, dieses Gefühl, gesehen werden zu wollen, ohne zu wissen, wie man das einfordert. Und der Sohn mit seiner stillen Art, seinem Rückzug, hat mich auf eine ganz andere Weise traurig gemacht. Ich hatte oft das Bedürfnis, ihn „festzuhalten“.
Was mir sehr gefallen hat, ist die Sprache. Sie ist klar, fast nüchtern, und gerade deshalb so wirksam. Es gibt keine großen dramatischen Ausbrüche, sondern viele kleine Beobachtungen, die sich langsam festsetzen. Ich habe beim Lesen mehrfach innegehalten, Sätze noch einmal gelesen, weil sie etwas in mir angestoßen haben. Erinnerungen, Fragen, auch Selbstkritik.
Die eingeflochtenen Fragen zwischen den Abschnitten haben das noch verstärkt. Sie fühlten sich für mich nicht wie ein literarisches Stilmittel an, sondern wie Fragen an mich selbst.
Am Ende der Leseprobe war ich überrascht, wie nah mir diese Figuren gekommen sind. Ich habe nicht das Gefühl, eine Geschichte „über andere“ gelesen zu haben, sondern eher einen Ausschnitt aus einem Leben, das überall stattfinden könnte. Genau das macht für mich den Reiz aus. Ich möchte wissen, wie diese Familie weiter miteinander umgeht, ob sie Wege zueinander findet oder ob sie weiter aneinander vorbei lebt.