Glück hat Schatten

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stephy.12 Avatar

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Schon beim ersten Blick auf das Cover hatte ich das Gefühl, dass dieses eindringlich zu mir spricht. Es wirkt so, als würde es andeuten, dass hinter dem Titel „Alle glücklich“ sehr viel mehr steckt als eine einfache, harmonische Geschichte. Genau das macht für mich den Reiz aus, denn das Cover lädt nicht zum schnellen Konsum ein, sondern zum Innehalten und genaueren Hinsehen.
Die Leseprobe hat dieses Gefühl sofort bestätigt. Die Handlung beginnt ruhig und alltäglich, dann entwickelt sich gerade dadurch eine Sogwirkung. Die Figuren wirken unglaublich lebensnah, mit all ihren Unsicherheiten, Sehnsüchten, kleinen Lügen und stillen Kompromissen. Besonders Ninas Perspektive hat mich erfasst, weil sich in ihrem Leben so viele gesellschaftliche Themen spiegeln, die ich nur zu gut nachempfinden kann. Hier haben wir zum einen die unsichtbare Care-Arbeit, die finanzielle Abhängigkeit, das schleichende Gefühl, eigene Träume aufgegeben zu haben, ohne es jemals bewusst entschieden zu haben. Gleichzeitig steht Emilias Verliebtheit in einem starken Kontrast dazu - dieses berauschende, naive, schöne Gefühl von „Alles ist möglich“. Und dann Ben, mit seiner Einsamkeit, die er in sich hineinzufressen scheint und dem Wunsch, gesehen zu werden. Diese drei Perspektiven erscheinen mir so vielfältig und irgendwie auch ineinander überzugreifen.
Ich habe beim Lesen ständig gespürt, dass sich unter der Oberfläche etwas zusammenzieht. Es sind die kleinen Sätze, die beiläufigen Gedanken, die Ungleichgewichte in Beziehungen, die leisen Machtverschiebungen. Gerade Emilias Beziehung zu Julian hat bei mir ein starkes Unbehagen ausgelöst. Sie wirkt zunächst romantisch und intensiv, doch zwischen den Zeilen schwingt eine Dynamik mit, die mich aufmerksam und vorsichtig werden lässt. Genau diese Ambivalenz erzeugt für mich Spannung, denn ich will wissen, ob und wann die Figuren selbst erkennen, was hier eigentlich passiert.
Von der weiteren Handlung erwarte ich, dass sie diese Themen mutig und ehrlich weiterführt. Ich hoffe auf eine Geschichte über Selbstbestimmung, über das langsame Erwachen aus Rollenbildern, über das Hinterfragen dessen, was wir unter „Glück“ verstehen. Wer ist eigentlich glücklich und zu welchem Preis?

Kira Mohn kenne ich bereits durch das Buch „Die Nacht der Bärin“, ein Buch, das mich tief getroffen hat. Diese Mischung aus emotionaler Wucht und politischer Relevanz habe ich auch hier sofort wieder gespürt. Deshalb vertraue ich darauf, dass „Alle glücklich“ mich ebenso nachhaltig beschäftigen wird.
Ich möchte weiterlesen, weil ich mich den Figuren bereits verbunden fühle. Ihre Gedanken wirken so ehrlich, so nah an realen inneren Konflikten, dass ich wissen möchte, wie sie ihren Weg gehen. Ich würde sie und dadurch vielleicht auch mich wachsen sehen. Vor allem interessiert mich, ob sie einen eigenen Begriff von Glück entwickeln können, jenseits dessen, was ihnen Familie, Partner oder Gesellschaft vorgeben.

Der Schreibstil gefällt mir dabei außerordentlich gut. Er ist ruhig, präzise und gleichzeitig emotional. Ohne Pathos, ohne Übertreibung, aber mit einer großen Sensibilität für Zwischentöne. Gedanken und Gefühle werden nicht erklärt, sondern erfahrbar gemacht.