Glück mit Rissen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
buchstabenpoesie Avatar

Von

Das Cover wirkt auf mich wie eine Einladung, genauer hinzuschauen. „Alle glücklich“ klingt fast wie eine Behauptung, die ich sofort innerlich anzweifel. Genau das spricht mich an. Ich mag Bücher, die nicht versprechen, dass alles gut wird.
In der Leseprobe habe ich mich an so vielen Stellen innerlich wiedergefunden. Besonders Nina hat mich tief berührt. Dieses Gefühl, sich selbst Stück für Stück aus dem eigenen Leben verabschiedet zu haben, ohne es bewusst entschieden zu haben, kenne ich sehr gut. Diese Mischung aus Anpassung, Verantwortung, Liebe, Pflichtgefühl und gleichzeitig einem leisen inneren Protest. Dass ihre unbezahlte Arbeit – emotional, organisatorisch, familiär – so selbstverständlich hingenommen wird, während finanzielle Abhängigkeit plötzlich zu einer Form von Kontrolle wird, trifft für mich einen extrem feministischen Nerv. Das ist keine große, laute Unterdrückung, sondern eine schleichende. Eine, die man sich selbst lange schönredet. Und genau das macht sie so realistisch.
Als jemand, der feministisch denkt lese ich diese Geschichte nicht nur als Familiendrama, sondern auch als gesellschaftlichen Kommentar. Hier geht es nicht nur um einzelne Figuren, sondern um Strukturen - um Rollenbilder, um ökonomische Abhängigkeiten, um die Frage, wessen Arbeit sichtbar ist und wessen nicht. Nina steht für mich für so viele Frauen, die „alles richtig gemacht“ haben und trotzdem irgendwann merken, dass sie selbst dabei verloren gegangen sind.
Emilias Geschichte hat mich gleichzeitig berührt und beunruhigt. Diese Mischung aus romantischer Verklärung, Unsicherheit und dem Wunsch, begehrt und besonders zu sein, ist so authentisch. Ich erinnere mich gut an dieses Alter, an dieses Gefühl, dass Liebe alles rechtfertigt und alles größer macht. Gerade deshalb habe ich beim Lesen eine leise Spannung gespürt. Nicht, weil ich Julian sofort als eindeutig „böse“ empfinde, sondern weil die Machtverhältnisse so subtil sind. Hier geht es um Alter, Erfahrung, Geld, Kontrolle über Raum und Tempo. Das sind Dinge, die man als junge Frau oft erst viel später einordnen kann. Für mich ist das hochpolitisch, ohne dass es je platt wirkt.
Ben wiederum hat mich auf eine andere Art getroffen. Dieses Gefühl, nicht gesehen zu werden und nicht zu genügen. Das ist eine Seite von Männlichkeit, die in unserer Gesellschaft viel zu wenig Raum bekommt. Auch das empfinde ich als einen feministischen Moment, dass dieses Buch nicht nur Frauenrollen kritisch betrachtet, sondern auch zeigt, wie eng und schmerzhaft männliche Rollenbilder sein können.
Der Spannungsaufbau in der Leseprobe funktioniert für mich über innere Reibung. Ich habe beim Lesen ständig gespürt, dass hier so viel unausgesprochen ist. So viel, was sich aufstaut. So viele Kompromisse, die irgendwann ihren Preis fordern werden. Diese Art von Spannung liebe ich, weil sie meinem eigenen Erleben viel näherkommt als dramatische Plot-Twists.
Von der weiteren Handlung erwarte ich, dass sie diese Widersprüche nicht auflöst, sondern ernst nimmt. Ich hoffe auf ein Buch, das nicht behauptet, man müsse nur mutig genug sein und alles werde gut. Sondern eines, das zeigt, wie schwer es ist, sich aus Strukturen zu lösen, in die man hineingewachsen ist. Ich wünsche mir eine Geschichte über Selbstermächtigung. Ich möchte weiterlesen, weil ich wissen will, ob diese Figuren Wege finden, die nicht vorgezeichnet sind. Ob sie lernen, ihr eigenes Glück zu definieren - nicht das, das von außen erwartet wird.
Der Schreibstil hat mich dabei sofort überzeugt. Er ist ruhig und gleichzeitig emotional. Ich hatte oft das Gefühl, den Figuren nah zu sein. Meist wird mich das Buch dann noch lange beschäftigen.