Die psychologische Dynamik einer heteronormativen Familie

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bücherwürmchen Avatar

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Was ist, wenn man objektiv betrachtet alles hat - und sich trotzdem nicht glücklich fühlt? Alle glücklich nähert sich genau dieser Frage mit einer beeindruckenden psychologischen Feinfühligkeit, man merkt, dass Kira Mohn ein Psychologiestudium hinter sich hat!
Der Roman erzählt die Geschichte einer scheinbar perfekten, heteronormativen Familie und legt Schicht für Schicht frei, was unter dieser Fassade verborgen liegt: unausgesprochene Bedürfnisse, misslingende Kommunikation und innere Konflikte, die lange keinen Raum bekommen haben.

Besonders stark ist die Art, wie die vier stets nacheinander erzählten Perspektiven - Nina, Alexander, Emilia und Ben - zunächst fast stereotyp wirken, sich aber im Verlauf der Geschichte zunehmend vertiefen und verändern. Erst nach und nach entfaltet sich eine Dynamik, die man zu Beginn so nicht erwartet. Gerade dieser langsame Perspektivwechsel macht den Reiz des Buches aus: Man beginnt, jede Figur nicht nur zu beobachten, sondern wirklich zu verstehen – inklusive ihrer Widersprüche, blinden Flecken und Schutzmechanismen.
Der Roman wirft dabei viele leise, aber nachhaltige Fragen auf: Welche Rollen nehmen Menschen in Familien ein; und zu welchem Preis? Wie sehr sind wir gefangen in unseren eigenen Projektionen, wenn wir glauben, die Gedanken und Motive der anderen zu kennen? Und wie entscheidend ist echte Kommunikation, wenn das Gegenüber letztlich oft eine Blackbox bleibt, gefüllt mit unseren eigenen Projektionen und Interpretationen?
Besonders eindrücklich ist, dass Alle glücklich keine einfachen Antworten liefert. Es gibt kein klares Gut oder Böse, kein eindeutiges Happy End oder sauberes Scheitern. Stattdessen bleibt vieles offen, wie im echten Leben. Genau darin liegt die Stärke des Romans: Er zwingt nicht zur Auflösung, sondern lädt zum Nachdenken ein, lange über die letzte Seite hinaus. Ich habe das Buch an einem Tag verschlungen, weil ich es ab der Hälfte nicht mehr aus der Hand legen wollte!
Ein psychologisch kluger, ruhiger und gleichzeitig emotional feinfühliger Roman, der zeigt, wie nahe Glück und innere Leere beieinanderliegen können. Und wie viel Mut es braucht, das eigene Empfinden ernst zu nehmen und Dinge zu ändern. Absolut lesenswert.