Familie driftet auseinander!

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walliliest Avatar

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Was für eine Vorzeigefamilie. Alexander, der Vater, ein erfolgreicher Chefarzt an einer Klinik. Nina, die Mutter, arbeitet halbtags als Sprechstundenhilfe und kümmert sich liebevoll um die Familie. Emilia, die Tochter, 16, Gymnasiastin und schwer verliebt. Ben, der Sohn, 19, Student der Umweltwissenschaften, ruhig und zurückgezogen.

Alle glücklich?

"Bei uns ist es derzeit leider so, dass jeder für sich irgendwo in der Luft schwebt, und wenn wir tatsächlich mal aufeinander treffen, gibt es meistens Streit.", Nina, Seite 92.

Klar, der Vater arbeitet zu lang. Klar, die Mutter verdient sich etwas dazu um Geld für kleine Wünsche zu haben und fühlt sich zu wenig gesehen. Klar, die Tochter ist frisch verliebt und ihr Freund meint es nicht ernst mit ihr. Klar, der Sohn ist unsicher bei Frauen und wünscht sich sehnlichst eine Freundin.

Alle glücklich?

Im Verlauf des Buches tun sich mehr Risse auf als anfangs vermutet. Aus vier Erzählperspektiven erfahren wir, wie Vater Alexander, Mutter Nina, Tochter Emilia und Sohn Ben ihr (Familien-)leben erleben.

Alexander: Chefarzt, gutaussehend, erfolgreich, arbeitssüchtig, sorgt finanziell für die Familie. Es müssten doch alle dankbar sein. Mit Nina läuft nicht mehr so viel wie gewünscht. Da kann man der attraktiven Sekretärin doch mal in den Ausschnitt schauen und von mehr träumen.

Nina: hat ihr Medizinstudium für die Kinder abgebrochen und hält ihrem Mann den Rücken frei. Sie versucht die Familie zusammen zu halten, zumindest ein gemeinsames Abendessen sollte doch drin sein. Dafür eilt sie von ihrem Zweitjob im Supermarkt nach Hause. Keiner dankt es ihr. Sie fühlt sich weder von ihrem Mann, noch von ihren Kindern gesehen. Da lernt sie im Supermarkt eine Kollegin kennen und ihr Leben verändert sich.

Emilia: schwer verliebt in den 18-jährigen Julian. Mit ihm fühlt sich das Leben an wie in einem Traum. Bis sie zu weit geht, oder vielmehr, zu sehr dazugehören möchte, und hart auf dem Boden der Realität aufschlägt.

Ben: ruhig, zurückgezogen, hatte noch nie ein Freundin. Er ist der Einzige in der Familie, der Frauen respektiert. Doch was bringt es ihm? Nur Ablehnung. Bis ihm ein Internet-Motivationsguru eintrichtert, er müsse ein Löwe sein. Er fühlt sich jedoch nur als Loser. Und das hat eine tragische Konsequenz...

Eine Familie, die so vorbildlich daher kommt und ein privilegiertes Leben in München führt. Alles schein gut. Im Verlauf des Romans zeigt sich jedoch, dass Alexander, Nina, Emilia und Ben verborgene Wünsche, Bedürfnisse und Sorgen haben, die innerhalb der Familie nie zur Sprache kommen - bis sie im Außen herausbrechen.

Ein Roman über eine Familie, der die gemeinsame Sprache abhanden gekommen ist. Jeder meint es gut, doch jeder lebt in seinem eigenen Kosmos. Weit weg von der Familie.

Ich habe das Buch in zwei Tagen verschlungen und frage mich, wie vielen "glücklichen" Familien dieses Buch einen Spiegel vorhält.

Leseempfehlung für "Alle glücklich!"