Intensiv, emotional und wahrhaftig

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Auf den ersten Blick scheint hier alles geordnet. Ein erfolgreicher Vater, eine versorgte Ehefrau, eine Tochter mit Freundinnen und erster Liebe, ein Sohn, eher still und für sich, aber klug. Ein Leben, das nach außen funktioniert. Doch sobald man hinter diese Oberfläche blickt, wird deutlich, wie komplex und verletzlich jedes einzelne Familienmitglied ist.
Hätte ich nicht in einem Beitrag der Autorin selbst gelesen, wie intensiv sie sich mit ihren Figuren auseinandersetzt, wäre mir genau das trotzdem sofort aufgefallen. Jede Figur wirkt bis ins kleinste Detail durchdacht. Jede Reaktion, jedes Gefühl, jedes gesprochene Wort gehört genau zu diesem Menschen. Es gibt keinen Moment, in dem man denkt, dass eine Handlung nicht zu der Figur passt.
Auf die einzelnen Figuren gehe ich hier nicht näher ein. Vater, Mutter, Tochter und Sohn begegnen euch in vielen anderen Besprechungen ausführlich. Für mich würde jede Beschreibung fast schon zu viel verraten.
Kira Mohn gelingt es, dass man diese Familienmitglieder nicht nur beobachtet, sondern wirklich fühlt. Man zweifelt ihre Entscheidungen nicht an, Man versteht ihre Beweggründe, auch wenn man beim Lesen am liebsten „Stop“ schreien würde!



Dazu kommt die präzise Sprache der einzelnen Figuren. Jede Ich-Perspektive klingt altersgerecht, lebensnah und unverwechselbar. Für mich liegt genau darin eine der großen Stärken dieses Romans und vielleicht auch ein Teil des Erfolgs der Autorin.


Die Geschichte berührt viele Themen, die unsere Gesellschaft heute prägen. Ich nenne sie bewusst nicht. Ich wünsche jeder Leserin und jedem Leser, diese Entwicklungen selbst zu entdecken, so unvoreingenommen, wie ich es beim Lesen durfte.
Was ich mir vielmehr wünsche, ist etwas anderes. Dass man beim Lesen an der ein oder anderen Stelle innehält. Dass man vielleicht einen Gedanken wiedererkennt, eine Angst, eine Sehnsucht, eine Entscheidung. Vielleicht sogar einen Teil der eigenen Persönlichkeit.
Und vielleicht beginnt man genau dort, sich selbst ein paar ehrliche Fragen zu stellen.
Denn letztlich ist dieser Roman für mich vor allem eines. Eine Einladung, das eigene Leben zu betrachten. Zu überlegen, ob man wirklich glücklich ist in den Strukturen, in denen man lebt. Mit den Menschen, mit denen man dieses eine Leben teilt.


Das Ende des Romans liegt für mich wie eine stille Aufforderung im Raum. Jeder dieser Figuren steht an einem Punkt, an dem Veränderung möglich wird. Und genau das scheint mir die Botschaft zu sein. Sich selbst diese Fragen zu stellen. Den Mut zu finden, Dinge zu verändern, bevor man daran zerbricht.
Vielleicht klingt das ein wenig abgedroschen, aber es bleibt wahr. Wir haben nur dieses eine Leben. Und wir besitzen das große Privileg, zumindest einen Teil davon selbst gestalten zu dürfen.