Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich

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readaholic Avatar

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Für Außenstehende müssen die Holtsteins wie eine Bilderbuchfamilie wirken: der Vater Alexander, Oberarzt im Krankenhaus, Mutter Nina arbeitet halbtags als MTA, und die Kinder Emilia und Ben. Emilia ist mit ihren sechzehn Jahren frisch verliebt in einen etwas älteren Jungen, der ihr einiges an Erfahrung voraushat. Ben ist Student und ein Einzelgänger, der sich am liebsten in seinem Zimmer verkriecht und mit anderen Computernerds zockt. Nina bemüht sich nach Kräften, die Familie wenigstens zu einem gemeinsamen Abendessen zusammenzubringen, doch oft gelingt nicht einmal dieses Minimum an Gemeinsamkeit, nicht zuletzt, weil Alexander häufig erst spät von der Arbeit kommt. Wie es wirklich in ihren Kindern aussieht, davon haben Nina und Alexander keine Ahnung. Beispielsweise leidet Ben darunter, dass er noch nie eine Freundin hatte. Überhaupt gibt es viel Unausgesprochenes zwischen den Familienmitgliedern, auch zwischen den Eheleuten läuft es schon lange nicht mehr rund.
Die Kapitel werden aus Sicht der vier Familienmitglieder erzählt und geben Einblicke in deren Seelenleben. Jedem Kapitel ist ein eFrage vorausgestellt, die sich die jeweilige Person gerade stellt: Wozu mache ich mir die Mühe überhaupt? (Nina), Irgendjemand, der mich sieht, irgendjemand? (Ben), Ich mache doch alles richtig, oder etwa nicht? (Alexander), Oder bin ich ihm doch zu jung? (Emilia). Jede der Personen steuert auf ein Ereignis zu, das ihr Leben und das Leben der anderen Familienmitglieder grundlegend verändern wird.
Trotz einiger Längen fand ich das Buch spannend und kurzweilig. Tolstois berühmter Eingangssatz aus Anna Karenina hat auch knapp 150 Jahre nach dessen Erscheinen noch Gültigkeit: Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.
Ein Roman, der nachdenklich macht.