Unauffällig, bis es einschlägt

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„Alle glücklich“ wirkt lange wie die x-te Geschichte einer bürgerlichen Vorzeige-Familie: Studium, Liebe, frühe Schwangerschaft, er macht Karriere, sie bleibt zu Hause. Nina rutscht nahezu geräuschlos in unbezahlte Care-Arbeit, während Alexander sich beruflich entfaltet und sich dabei für einen großartigen Familienvater hält. Nach außen funktioniert alles aber nach innen funktioniert absolut gar nichts.

Alle Hauptfiguren sind durchzogen von patriarchalen Mustern: ein emotional abwesender, selbstmitleidiger Vater, eine Mutter, die heimlich arbeitet, um sich ein Minimum an Unabhängigkeit zu bewahren, Kinder mit massiven Selbstwertproblemen. Besonders deutlich wird, wie tief diese Strukturen greifen, als selbst scheinbar „reflektierte“ Figuren reproduzieren, was sie eigentlich ablehnen. Kommunikation findet kaum statt – stattdessen das stille Erwartungsdenken: Die anderen müssten doch wissen, was man braucht.

Ehrlicherweise war ich kurz davor das Buch auf ca. der Hälfte abzubrechen. Bin aber jetzt heilfroh, es nicht getan zu haben, denn:
Das eigentliche Aha-Erlebnis kommt spät, trifft dann umso härter!
Dieses Buch schreit auf jeder einzelnen Seite Patriarchat! In jedem Gedanken, jeder Handlung, jedem unausgesprochenen Satz. Die Geschichte ist nicht banal, sie ist realistisch. Und genau deshalb so verstörend. Die Kritik ist leise, aber allgegenwärtig und wird mir definitiv noch sehr lange im Kopf bleiben.