Abschied und Neubeginn
„Haus, ich verkaufe dich.“ So beginnt der neue Roman von Eva Menasse. Das Haus, das persönlich mit DU angesprochen wird, steht an einem kleinen See mitten im brandenburgischen Wald. Idylle pur, die Nachbarschaft bewohnt im Wesentlichen eine kleine Datschensiedlung. Das Haus hat die Ich-Erzählerin über rund 25 Jahre begleitet. Sie kaufte es einst gemeinsam mit ihrem Ehemann als Rückzugsort für die gemeinsame Patchworkfamilie. Die Ehe scheiterte, eine weitere Beziehung ebenso. Was geblieben ist, ist das Haus, mit dem die Erzählerin viele Erinnerungen verbindet, an denen sie uns teilhaben lässt, bevor es endgültig verkauft werden soll.
Die Erzählerin braucht zwei Anläufe, um sich von dem einzigartigen Waldgrundstück zu trennen. Das moldawisch-polnische Alleskönner-Ehepaar Alla und Bolek wird ihr Joker. Die beiden richten nicht nur den verwilderten Garten wieder her, sondern stehen auch bei Sanierungen und Reparaturen aller Art pragmatisch zur Seite. Menasse versteht es, kluge, amüsante Anekdoten aus diesen Begebenheiten zu filtern. Gut eingefangen wird auch das schwierige Verhältnis zu den ostdeutschen Datschenbesitzern, die die Intellektuellen aus Berlin von Anfang an kritisch beäugen. Es gelingt Paul Woitek, dem Sprecher der Datschenkolonie mit roter SED-Vergangenheit, mit seiner hilfsbereiten, vermittelnden Art für Entspannung zu sorgen. Gegenseitige Vorbehalte bleiben jedoch bis zum Ende bestehen und sorgen für Schreibstoff.
Es gelingt der Erzählerin, ihre eigene Vergangenheit mit der des Hauses zu verknüpfen. Beim Aufräumen stolpert sie fortlaufend über Erinnerungen, von denen sie berichtet. Wunderschön auch die Naturbeschreibungen rund um die idyllische Alleinruhelage des Ferienhäuschens. Viele glückliche Stunden hat die Erzählerin hier verbracht mit ihrer Familie, später mit ihrem Freund, und fern der Hektik Berlins. Doch es gab auch Konflikte und Missverständnisse. Die Erzählerin schildert die verschiedenen Stationen ihrer Beziehungen in einem lakonisch ruhigen Ton, chargierend zwischen Nachdenklichkeit und Selbstironie. Sie gestattet sich auch Rückblicke in die eigene Kindheit, denkt an ihre „falsche“ Tante Hupfi, deren monumentale Nymphenskulptur noch immer im Garten steht.
Menasse erzählt nicht chronologisch, aber immer pointiert, mit Witz und virtous. Dabei mäandert sie von einem Thema zum nächsten, Zusammenhänge bestehen höchstens lose, eine stringente Handlung sucht man vergebens. Nicht jede Begebenheit ist für den Leser gleichbleibend interessant, zu unterschiedlich sind die Motive. Als Österreicherin nimmt die Erzählerin gerade bei den deutsch-deutschen Befindlichkeiten eine Außenseiterstellung ein. Sie beobachtet, schildert, aber urteilt nicht.
Eva Menasse zu lesen, ist immer ein Gewinn. Sie formuliert stilistisch präzise und geschliffen, man folgt ihren Erinnerungen gern, die oft von wunderschönen, klugen Gedanken und Bonmots durchzogen sind. Wie bereits erwähnt kommt auch der Humor nicht zu kurz, mancher Dialog hat geradezu parodistische Züge.
Freilich kann man diesen eher locker strukturierten, assoziativen Episodenroman nicht mit Menasses bisherigem Opus Magnum „Dunkelblum“ vergleichen. Wer gerne in entspannter Stimmung über die Zwischenbilanz eines Lebens, über einen Abschied mit hoffnungsvollem Neuanfang lesen möchte, dem sei „Alleinruhelage“, das klar autobiografische Züge trägt, herzlich empfohlen.